"Schade! Wäre er beatmet, würden wir ihn sofort übernehmen!"

"Schade! Wäre er beatmet, würden wir ihn sofort übernehmen!"

Es war an einem Tag, an dem alle 38 Betten unserer Intensivstation belegt waren. Ein Notfall aus dem OP war angekündigt. An unserer Uniklinik gab es drei Intensivstationen, so rief ich meine Kollegin an, ob sie mir einen Patienten abnehmen könnte. „Ist der beatmet?“, fragte sie. „Nein“, sagte ich. „Schade! Wäre er beatmet, würden wir ihn sofort übernehmen!“

Ich war fassungslos. So sehr hatte das ökonomische Denken um sich gegriffen? Beatmung rettet Leben, wenn Patienten im Koma liegen oder eine Lungenentzündung haben. Andererseits aber steigt mit der Beatmungszeit das Risiko, an eben so einer Lungenentzündung zu erkranken, und die Entwöhnung von den Geräten wird schwerer. Doch beatmete Patienten bringen viel Geld. Die Honorierung steigt in festgelegten Zeitabständen. Ab 24 Stunden werden bei Schwerkranken etwa 25.000 Euro vergütet, ab 95 Stunden dann schon 58.000. Wenn auf einer Station der „Case Mix Index“ nicht stimmt – wenn also zu wenige Patienten schwere, gewinnträchtige Erkrankungen haben –, dann steigt die Versuchung, sich über das Patientenwohl hinwegzusetzen.

Ich kenne Berichte aus anderen Kliniken, dass sogar Sterbende noch beatmet wurden, um die Schallmauer zu durchbrechen. Auch wir lieferten nicht die gewünschten Zahlen. Die Verwaltung beließ es bei diskreten Hinweisen wie: „Ihr müsst eure Beatmungen besser codieren.“ Nun wusste jeder: Weniger Erlöse bedeuten langfristig weniger Stellen. Dann würde die Arbeit noch belastender. Deshalb genügte das, damit Teammitglieder laut darüber nachdachten, ein Ampelsystem mit Stoppuhr einzuführen. Sodass Patienten auf keinen Fall zu früh von der Beatmung entwöhnt würden.

Ich habe mich mit anderen dagegengestemmt. Aber solche Erlebnisse haben mich schließlich dazu gebracht, meine Stelle als leitender Oberarzt zu kündigen und eine zweite Weiterbildung zum Allgemeinarzt zu absolvieren. Zurück blieben viele hervorragende Kollegen, die weiterhin versuchen, unter diesen Bedingungen bestmögliche Medizin zu machen – sie haben dieses System nicht verdient. Von mir ist der starke ökonomische Druck endlich gewichen. Ich bin nur noch meinem Gewissen verantwortlich. Das erlebe ich als tägliche Befreiung.

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