Wer ist hier eigentlich crazy, Mr. President?

Wer ist hier eigentlich crazy, Mr. President?

Donald Trump ist ein Meister darin, einfache Antworten auf große Fragen zu geben. Das bewies er gestern auf einer Wahlkampfveranstaltung in Manchester. Es war die erste Veranstaltung dieser Art nach den Massakern von El Paso und Dayton Anfang des Monats, bei denen zwei Schützen 31 Menschen getötet hatten.

Statt über das Problem von Waffengewalt in den USA zu sprechen, trat Trump die Flucht nach vorne an: Das eigentliche Problem seien nicht die Waffen, sondern wer sie benutze. Er kündigte an, vermehrt Einrichtungen für psychisch Kranke zu errichten, um sie dort zwangsweise unterbringen zu lassen. „Wir können diese Menschen nicht auf der Straße sein lassen“, erklärte er. Es gehe darum, „geistesgestörte und gefährliche Menschen von der Straße zu holen, damit wir uns darüber nicht so viele Sorgen machen müssen“.

Trumps Worte stigmatisieren

Trumps Worte lassen sich auf einen Kernsatz eindampfen: Nicht Waffen töten, sondern psychisch Kranke. Diese Aussage irritiert und das aus zwei Gründen: Sie trägt zur Stigmatisierung psychisch Kranker bei. Und sie ist falsch.

Tatsächlich zeigen Untersuchungen, dass nur wenige Amokläufer im Vorfeld der Tat mit psychischen Problemen zu kämpfen hatte, berichtete erst kürzlich die „Washington Post“. Der Soziologe und Psychiater Jeffrey Swanson warnte im Gespräch mit der Zeitung vor einer Vermischung der Begrifflichkeiten: Die Tatsache, dass jemand vor die Tür geht und fremde Menschen tötet, entspreche zwar keinesfalls dem, was man von einem gesunden Menschen erwarten würde – „aber es bedeutet nicht, dass jemand eine psychische Krankheit hat.“

Auch der deutsche Psychiater Andreas Heinz hatte erst kürzlich in einem stern-Interview betont: „Psychisch Kranke sind nicht häufiger gewalttätig als alle anderen Menschen auch.“ Zwar könnten einzelne Betroffene zu einer Gefahr für andere werden – insbesondere bei zusätzlichem Drogenkonsum. Doch dasselbe lässt sich ebenso über gesunde Menschen sagen, die zu viel Alkohol getrunken haben.

Trumps Forderung richtet mehr Schaden als Nutzen an: Psychisch Erkrankte, die Angst davor haben müssen, weggesperrt zu werden, holen sich unter Umständen keine Hilfe. Ihr Leiden bleibt unbehandelt. Sie verlieren die Chance auf ein beschwerdefreies Leben.

Psychische Leiden sind Krankheiten wie jede andere auch

Es ist daher an der Zeit, dass wir psychische Krankheiten endlich als das begreifen, was sie sind: Krankheiten wie jede andere auch. Oft gut zu behandeln. Alltäglich. Nach Angaben der Stiftung Deutsche Depressionshilfe erkrankt jede vierte Frau und jeder achte Mann im Laufe seines Lebens an einer Depression. Auch Psychosen, bei denen Betroffene die Realität verändert wahrnehmen und zum Beispiel Wahnvorstellungen entwickeln, sind relativ häufig. Ein bis zwei von 100 Menschen haben mindestens einmal im Leben eine psychotische Episode. Schätzungsweise 51 Millionen Menschen weltweit leben mit einer Schizophrenie – einer psychischen Krankheit, bei der die Gedanken und Wahrnehmungen verändert sind.

Diese Zahlen zeigen: Psychisch Erkrankte sind keine Einzelfälle, sie leben mit uns und unter uns. Und das ist gut so. Was psychisch Erkrankte am meisten brauchen, sind Verständnis, ein intaktes soziales Umfeld und ein vorbehaltloser Umgang mit ihrer Krankheit. Wie kann das gelingen?

Wir brauchen mehr Aufklärung über das Wesen psychischer Krankheiten. Mehr Bewusstsein dafür, dass es nicht selbstverständlich ist, gesund zu sein und es auch zu bleiben. Mehr Präventionsprogramme, die verhindern, dass Menschen in eine schwere psychische Krise stürzen. Hilfe statt Ausgrenzung. Und nicht zuletzt Politiker, die entscheidende Weichen dafür stellen, dass Erkrankte schnell und umfassend therapiert werden – anstatt sie wegsperren zu lassen.

Wäre das nicht ein guter Anfang, Mr. President?

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