Blinder Fleck

Blinder Fleck

Eine 55-Jährige sucht mit schweren Bauchschmerzen Hilfe in der Notaufnahme der Uniklinik von Minneapolis. Bauchweh ist für sie leider nichts Neues: Seit mehr als 20 Jahren hat sie immer wieder solche Schmerzen. Doch nun ist es schlimmer denn je.

Die Frau kann den Ärzten den Grund für ihre Beschwerden nennen: Sie leidet an einer akuten intermittierenden Porphyrie, einer angeborenen Stoffwechselstörung. Mit dieser Diagnose lebt sie seit gut zwei Jahrzehnten.

Immer wieder Bauchweh

Die Störung kann in unregelmäßigen Abständen Bauchschmerzen auslösen. Betroffene leiden dann meist unter Übelkeit, Erbrechen und Verstopfung. Ebenso typisch sind neurologische Folgen. Beispielsweise erleiden Erkrankte Krampfanfälle oder Lähmungen, wobei letztere auch die Atemmuskulatur treffen können. Dann kann die Krankheit sogar zum Tod führen.

Die 55-Jährige scheint in dieser Hinsicht Glück gehabt zu haben, bisher sind bei ihr keinerlei neurologische Probleme bekannt. Allerdings waren ihre Bauchschmerzen bisweilen so stark, dass sie dadurch das Bewusstsein verlor. Dennoch war sie wegen dieser Beschwerden nicht mehr im Krankenhaus, seit sie die Diagnose erhalten hat.

In den kommenden zwei Wochen ist sie insgesamt dreimal in der Klinik. Sie erhält Schmerzmittel, Medikamente gegen Übelkeit und ihr wird intravenös Flüssigkeit verabreicht. Nach und nach erholt sie sich.

Ungewöhnliche Blutwerte

Bei ihrem letzten Besuch in der Klinik fallen den Ärzten jedoch ungewöhnliche Blutwerte auf, wie sie im „American Journal of Medicine“ berichten. Die Werte bestimmter Leberenzyme sind erhöht, ebenso die Menge des sogenannten Bilirubins, ein Gallenfarbstoff. Zusätzlich berichtet die Patientin jetzt von Schmerzen, die etwas weiter oben im Bauch auf der rechten Seite angesiedelt sind. Das macht die Mediziner stutzig.

Die Ärzte führen einen Ultraschall durch – und entdecken Gallensteine sowie einen erweiterten Gallengang. Sie untersuchen die Gallenblase anschließend mit einer speziellen Methode, der endoskopisch retrograden Cholangiopankreatikografie – kurz ERCP. Dabei schieben sie eine Sonde, ein Endoskop, über den Mund durch den Magen bis in den Zwölffingerdarm und spritzen Kontrastmittel in den dort mündenden Gallengang. Dann fertigen die Ärzte Röntgenaufnahmen der Gallenblase an, deren Strukturen mithilfe des Kontrastmittels hervorgehoben werden.

Tatsächlich stecken Gallensteine im großen Gallengang. Der Fund erklärt die Beschwerden der 55-Jährigen – ihre immer wiederkehrenden Bauchschmerzen ebenso wie die zuletzt auffälligen Blutwerte. Zur Sicherheit überprüfen die Ärzte eine Urinprobe, die die Patientin in einer Schmerzphase abgibt. Ein Wert, der bei einem akuten Porphyrie-Schub auffällig sein müsste, ist bei ihr im Normalbereich.

Jetzt ist klar: Die Frau hat keine Porphyrie, sondern Gallensteine.

Chirurgen entfernen die Gallenblase der Patientin, was bei wiederkehrenden Problemen mit Gallensteinen eine sinnvolle Maßnahme ist. Anschließend erholt sich die Frau ohne weitere Zwischenfälle.

Das Team um Donna Coetzee berichtet von dem Fall, weil es darauf hinweisen will, wie tückisch es sein kann, wegen einer bereits feststehenden Diagnose nicht mehr darüber nachzudenken, ob nicht eine andere Krankheit die Beschwerden eines Patienten erklären kann.

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