Der Feinstaub-Wirbel

Feinstaub und Stickoxide machen krank? Diese Behauptung sei nicht bewiesen, schreibt eine Gruppe von über hundert Lungenfachärzten in einem Positionspapier – und facht damit die leidenschaftlich geführte Debatte um Fahrverbote in Deutschland erneut massiv an.

Den Medizinern zufolge liegt den Argumenten, die Verfechter von Grenzwerten und Fahrverboten anführen, eine Fehlinterpretation von wissenschaftlichen Daten zugrunde.

  • Die Weltgesundheitsbehörde (WHO) und die EU hatten zuletzt Zahlen präsentiert, denen zufolge rund 440.000 Menschen in Europa in Zusammenhang mit Luftverschmutzung vorzeitig sterben.
  • Das Umweltbundesamt warnt zudem vor 50.000 verlorenen Lebensjahren in Deutschland durch Stickoxide.
  • Auch Forscher vom Helmholtz-Zentrum ebenso wie die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie (DGP) halten es für bewiesen, dass Stickstoffdioxide gesundheitsschädlich sind.

Hierzulande gilt daher für Stickoxide (NO2) ein Grenzwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft im Jahresmittel – er wird in verschiedenen Städten überschritten. Überschreitungen der Grenzwerte für Feinstaub gab es dem Umweltbundesamt zufolge seit 2012 nicht mehr.


„Es ist sehr wahrscheinlich, dass die wissenschaftlichen Daten, die zu diesen scheinbar hohen Todeszahlen führen, einen systematischen Fehler enthalten“, schreibt der Lungenfacharzt Dieter Köhler, ehemals Vorsitzender der DGP, in seinem Statement, das 113 weitere Spezialisten unterschrieben haben.

Ein wichtiger Fehler sei demnach: Das gemeinsame Auftreten von Krankheiten und hohen Feinstaub- und Stickoxidwerten werde nicht nur beschrieben, sondern in einen ursächlichen Zusammenhang gestellt. Das ist bei sogenannten epidemiologischen Studien in der Tat nicht zulässig, denn sie dienen dem Zweck zu beobachten. In der Folge können Wissenschaftler dann Hypothesen über die Ursachen aufstellen und müssen diese mit anderen Methoden überprüfen.

Bei Stickoxiden ist genau das schwierig: Zwar handelt es sich bei den Stoffen um ätzende Reizgase. Allerdings lassen sich ihre Auswirkungen auf die Gesundheit nur schwer isoliert untersuchen. Bleiben also nur die Beobachtungen, dass Menschen in Regionen mit hohen Stickoxidkonzentrationen häufiger mit Asthma, Herz-Kreislauf-Krankheiten oder chronischer Bronchitis ins Krankenhaus gehen. Damit ist aber eben noch nicht bewiesen, dass die Stickoxide auch tatsächlich die Ursache dafür sind.

Feinstaub gelangt tief in Atemwege

Anders ist die Sachlage bei Feinstaub: Hier gilt als erwiesen, dass die kleinen Partikel, die je nach Größe mittelweit bis sehr tief in die Atemwege gelangen können, der Gesundheit schaden können. Auch das zweifeln die Ärzte in ihrem Statement allerdings mit unterschiedlichen Argumenten an.

Köhler und Co. argumentieren: „Lungenärzte sehen in ihren Praxen und Kliniken diese Todesfälle an COPD und Lungenkrebs täglich; jedoch Tote durch Feinstaub und NOx, auch bei sorgfältiger Anamnese, nie.“ Bei der hohen Mortalität, die sich aus den WHO-Zahlen ergebe, müsste das Phänomen demnach wenigstens als zusätzlicher Faktor bei Lungenerkrankungen irgendwo auffallen.


Feinstaub – was ist das?

  • Feinstaub sind Partikel, die kleiner sind als zehn Mikrometer (PM10), wobei ein Mikrometer einem Millionstel Meter entspricht. Diese Feinstaubteilchen verbleiben größtenteils in den oberen Atemwegen, also dem Rachen, der Luftröhre oder den Bronchien. Jahresdurchschnittswerte von 20 Mikrogramm Feinstaub pro Kubikmeter Luft (µg/m³) sollen nicht überschritten werden.
  • Seit 2008 werden davon Staubkörner mit einem Durchmesser unter 2,5 Mikrometern (PM2,5) unterschieden. PM2,5 gelangen bis in die Lungenbläschen. Hierfür gilt ein Grenzwert von 10 µg/m³.
  • Außerdem gibt es den Begriff des Ultrafeinstaubs (UFP, ultrafeine Partikel), der im Zusammenhang mit Benzinmotoren diskutiert wird. Gemeint sind noch feinere Körnchen, die kleiner sind als 0,1 Mikrometer. Die ultrafeinen Partikel können in den Blutkreislauf übergehen und so im Prinzip sämtliche Körperregionen erreichen und dort Schaden etwa durch Entzündungsprozesse und Arterienverkalkung anrichten.
  • Grundsätzlich entsteht Feinstaub überall, wo Dreck aufgewirbelt wird. Der überwiegende Teil stammt aus natürlichen Quellen. Vulkane blasen beispielsweise große Mengen Partikel in die Luft. Auch Waldbrände und Wüstensand tragen zur Staub- und Feinstaubmenge in der Luft bei. Mit der Zeit verteilen sich die Partikel weiträumig in der Atmosphäre, sodass die Belastung mit der Entfernung zur Quelle je nach Wetterlage deutlich abnimmt.

Die Ärzte kritisieren außerdem, dass verschiedene Störfaktoren wie Rauchen, Alkoholkonsum, körperliche Bewegung, medizinische Betreuung oder Medikamenteneinnahme in den Studien nicht sinnvoll berücksichtigt wurden – obwohl diese die Gesundheit maßgeblich beeinflussten.

Ein Beispiel kann das erklären: Es ist durchaus denkbar, dass sich Menschen, die an stark befahrenen Straßen leben, keine bessere Wohnlage leisten können. Bekannt ist außerdem, dass Menschen mit einem niedrigen Einkommen häufiger rauchen und Alkohol trinken, sich schlechter ernähren und weniger bewegen. Was löst also Lungenkrankheiten bei ihnen aus? Sind es tatsächlich Feinstaub und Stickoxide aus dem Verkehr? Oder vielleicht die anderen Faktoren? Oder alles zusammen? Eine einfache Aussage über Ursache und Wirkung zu treffen, ist nicht ohne Weiteres möglich.

Sinnvolle Kritik

Auch andere Wissenschaftler haben bereits kritisiert, dass Zahlen über vorzeitige Todesfälle, wie auch die EU sie nutzt, in die Irre führen. Denn was heißt eigentlich vorzeitig? Ein Jahr, ein Tag oder eine Minute? Stattdessen solle man besser von verlorener Lebenszeit sprechen. Das sei zwar weniger plakativ, komme aber der Realität näher.

Nach eigenen Angaben gehört Köhler keiner Interessengruppe an. Er und seine Kollegen wollen mit dem Statement „der Versachlichung der Diskussion dienen“. Das Ziel der Autoren sei, die Maßnahmen zur Schadstoffvermeidung zu fördern. „Jedoch sehen sie derzeit keine wissenschaftliche Begründung für die aktuellen Grenzwerte für Feinstaub und NOx.“

Fazit: Auch wenn sich Argumente der Ärzte widerlegen lassen, für den wissenschaftlichen Diskurs ist der Beitrag sinnvoll. Es gehört zur Natur von Wissenschaft, Thesen, Ergebnisse und vor allem Interpretationen anzuzweifeln, andere Erklärungen anzubieten. Das heißt nicht, dass die Antithese der Wahrheit entspricht. Aber durch den Diskurs nähert man sich der Realität – mehr kann Wissenschaft ohnehin nicht bieten.

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