Für wen ist die Darmkrebs-Vorsorge sinnvoll?

Für wen ist die Darmkrebs-Vorsorge sinnvoll?

In vielen Ländern empfehlen Ärzte allen Menschen ab 50 Jahren, sich auf Darmkrebs testen zu lassen. Das Ziel: Tumoren frühzeitig zu erkennen und zu behandeln, solange die Erkrankung noch heilbar ist. Das gilt auch für Deutschland. Nun stellt ein internationales Expertengremium diese Empfehlungen infrage.

Routinemäßige Tests sollten nicht allen Menschen im Alter zwischen 50 und 79 Jahren gleichermaßen angeboten werden, fordern die 21 Experten im „British Medical Journal“. Der Grund: Es gebe in dieser Gruppe Menschen mit einem so geringen Darmkrebsrisiko, dass die Belastungen und Risiken durch die Tests stärker ins Gewicht fallen könnten – etwa durch Ängste oder das Risiko von Komplikationen während der Darmspiegelung.

Die Experten um Lise Helsingen von der Universität Oslo plädieren deshalb für ein anderes Vorgehen: Ihrer Meinung nach sollten sich in der Altersgruppe nur jene Menschen dem Screening unterziehen, die ein Risiko ab drei Prozent tragen, in den nächsten 15 Jahren an Darmkrebs zu erkranken. Die Entscheidung für oder gegen die Untersuchung solle aber nicht ohne ärztliche Beratung fallen, so die Experten.

Zudem gelte diese Empfehlung nur für Menschen, die symptomfrei seien – also nicht zum Beispiel unerklärlich Gewicht verloren haben – und die keine Beschwerden wie chronisch-entzündliche Darmerkrankungen haben, die das Darmkrebsrisiko steigern.

Zwei Möglichkeiten: Tests auf Blut im Stuhl oder Darmspiegelung

Darmkrebs ist in Deutschland nach Brustkrebs die zweithäufigste Krebserkrankung. Pro Jahr werden bundesweit mehr als 60.000 Fälle neu diagnostiziert. Als Risikofaktoren gelten neben Erbanlagen etwa schlechte Ernährung, mangelnde Bewegung, Alkohol und Tabak.

Bei den Vorsorgeuntersuchungen kommen unter anderem Tests auf Blut im Stuhl zum Einsatz. Außerdem können Menschen in Deutschland auf Kosten der Krankenkassen eine Darmspiegelungen (Koloskopien) durchführen, mit der Tumoren und deren Vorstufen früh entdeckt werden können. Die Vorstufen können bei der Spiegelung zudem vorsorglich entfernt werden.

Für ihre neuen Empfehlungen stellte die Expertengruppe das individuelle Risiko einer Person, in den nächsten 15 Jahren Darmkrebs zu entwickeln, den Risiken sowie der psychischen Belastungen durch die Untersuchungen entgegen. Demnach überwiegt der Nutzen der Untersuchung erst ab einem Darmkrebsrisiko von drei Prozent.

Um das Risiko zu berechnen, schlagen die Experten einen Internet-Rechner vor – den „Q Cancer Calculator“. Dieser ermittelt die individuelle Gefährdung unter anderem aus Alter, Geschlecht, Größe, Gewicht, Tabak- und Alkoholkonsum oder familiärem Krebsrisiko.

Deutsche Experten: Risiko, tragische Erkrankungen zu übersehen

Hermann Brenner vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg sieht sowohl das Online-Instrument als auch die Empfehlungen der Autoren kritisch: „Der Rechner fragt die Risikofaktoren nur sehr grob ab, sodass das Ergebnis nicht zuverlässig ist.“

Insgesamt empfinde er große Skepsis gegenüber den neuen Empfehlungen, sagt der Epidemiologe, der am DKFZ unter anderem die Abteilung Präventive Onkologie leitet. „Die Empfehlung betrachtet die Frage, ob eine Teilnahme an Vorsorgeuntersuchungen sinnvoll ist, komplett aus der persönlichen Perspektive der Teilnehmer. Dafür ist die Risikoeinschätzung aber viel zu grob.“

Die Empfehlungen würden dazu führen, dass die meisten Frauen und Männer erst deutlich nach dem 60. Lebensjahr mit der Darmkrebsvorsorge beginnen würden. Damit könnten gerade die meist besonders tragischen Erkrankungen und Todesfälle in jüngeren Lebensjahren nicht mehr vermieden werden.

Dabei seien die Möglichkeiten des Screenings immens: „Wenn die große Mehrheit der Menschen in den entsprechenden Altersstufen auch nur einmal zur Vorsorgekoloskopie gehen würde, dann könnte man mehr als die Hälfte der Todesfälle durch Darmkrebs vermeiden“, betont Brenner.

Stuhltest: Alternative bei Angst vor der Spiegelung

Die Argumentation, dass Ängste und unangenehme Empfindungen mit den Untersuchungen verbunden sein können, kontert Brenner mit dem Hinweis auf den weniger belastenden Stuhltest: „Wer sich nicht für die Darmspiegelung entscheiden möchte, kann regelmäßig einen Stuhltest durchführen lassen. Auch damit ließe sich die Mehrzahl der immer noch jährlich mehr als 25.000 Todesfälle durch Darmkrebs in Deutschland verhindern.“

In Deutschland können Männer seit wenigen Monaten schon ab dem Alter von 50 Jahren zwischen einem jährlichen Stuhlbluttest und Darmspiegelungen im Abstand von zehn Jahren wählen. Frauen haben erst ab dem Alter von 55 Jahren Anspruch auf die Darmspiegelung.

„In Deutschland gehen jedes Jahr nur fünf bis sechs Prozent der Berechtigten zum Screening“, sagt Thomas Seufferlein, Ärztlicher Direktor der Klinik für Innere Medizin am Uniklinikum Ulm. „Das heißt, dass das Problem der Überdiagnosen, dem die neue Empfehlung begegnen will, Deutschland nicht so betrifft wie andere Länder, in denen sich viel mehr Menschen am Darmkrebsscreening beteiligen.“

In Deutschland sei es eher wichtig, „dass wir für das Screening motivieren“, sagt der Experte der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS).

Entscheidend sei deutlich zu machen, dass Darmkrebs eine Erkrankung ist, die man nicht nur früh erkennen, sondern bei der man sogar vorsorgen könne. „Wenn man frühe Vorstufen entfernt, erspart man dem Patienten viele Belastungen: den psychischen Schock der Krebsdiagnose, die Operation und die Nachsorge“, betont Seufferlein.

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