Polizei rufen oder eingreifen? Was du tun solltest, wenn du einen Suizid befürchtest

Polizei rufen oder eingreifen? Was du tun solltest, wenn du einen Suizid befürchtest

Zwei norddeutsche Jungen haben einen Suizid verhindert: Sie handelten in einer Extrem-Situation richtig. Ein Patentrezept für eine akute Suizid-Situation gibt es allerdings nicht. Außer: Tun Sie nichts, was Sie selbst in Gefahr bringen kann, und lassen Sie eine lebensmüde Person nie allein.

In der Lokalpresse von Ostholstein werden gerade zwei Teenager gefeiert, weil sie einem Menschen das Leben gerettet haben. Sie mussten dafür keine riskante Heldentat vollbringen, sondern nur nicht wegsehen:

Als die beiden Freunde, 14 und 15 Jahre alt, mit ihren Rädern durch die Gegend fuhren, beobachteten sie in der Nähe des Bahndamms einen jungen Mann, den sie irgendwie merkwürdig fanden. Als er sich kurz später auf die Gleise legte, riefen die Jungen sofort bei der Polizei an. Der Bahnverkehr wurde gestoppt, der Lebensmüde vom Bahndamm geholt und in eine Klinik gebracht.

Was tun, wenn jemand gefährlich nah am Abgrund steht?

Thomas und David aus Neustadt hätten alles richtig gemacht, lobten Polizei, Rettungskräfte und auch der Bürgermeister. Da stellt sich die Frage: Was würden wir eigentlich tun, wenn wir einen Suizidversuch bemerken? FOCUS Online fragte eine Expertin für Suizidprävention, welches Verhalten richtig ist, wenn wir befürchten, dass sich jemand das Leben nehmen will.

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Rosemarie Schettler leitet die Krisenbegleitung der Telefonseelsorge in Duisburg. In dieser Funktion muss die Sozialpädagogin und Gestalttherapeutin immer wieder versuchen, dass persönliche Krisen nicht dramatisch im Suizid enden. In Deutschland sehen jedes Jahr rund 10.000 Menschen keinen anderen Ausweg für sich.

„Suizid ist ja nicht strafbar. Aber wir dürfen ihn dennoch nicht tatenlos zulassen“, sagt die Krisen-Expertin. „Wer tatsächlich in so eine Extremsituation gerät, einen Suizidversuch mitzuerleben, tut gut daran, die Polizei zu rufen.“

Die 110 wählen ist nie falsch

Wer den Notruf 110 wählt, weil er jemanden in Lebensgefahr glaubt, tut das ohne Risiko, auch wenn sich die Situation als harmlos herausstellen sollte. „Wir werden lieber einmal zu oft als einmal zu wenig gerufen“, heißt es dazu aus dem Münchner Polizeipräsidium.  

Was jemand, der helfen will, keinesfalls tun sollte, weiß Schettler auch: „Niemand darf sich beim Versuch einen Suizid zu verhindern, selbst in Gefahr bringen.“ Es wäre also völlig falsch gewesen, wenn die beiden Jugendlichen aus Neustadt selbst auf den Bahndamm geklettert wären, um den Mann runter zu holen.

Dass sie nicht weggegangen sind, bis die Polizei kam, war aber auch richtig. „Einen Menschen in Not überlässt man nicht sich selbst“, sagt die Duisburger Krisen-Begleiterin. „Das gilt vor allem, wenn man die Person angesprochen und Kontakt aufgebaut hat.“

Sie hat auch einen Rat, wie man einen Menschen anspricht, der riskant an einem Brückengeländer herumturnt. „Herrschen Sie ihn nicht mit einem ‚Was machen Sie denn da?‘ an. Sprechen Sie besser von sich: ‚Ich mache mir Sorgen, dass Sie da runterfallen. Das möchte ich nicht sehen. Kommen Sie doch einen Schritt zurück …‘.“

Ansprechen, zuhören, ernst nehmen

Man könne auch auf die Person zugehen, aber nicht von hinten anschleichen wie im Film. „Sich jemand sprechend nähern ist aber keine schlechte Idee.“

Ansprechen, zuhören, Fragen stellen und keinesfalls bagatellisieren – das sei in jedem Fall von Suizidgefahr das beste Verhalten. „Gehen Sie nie einfach darüber hinweg, wenn jemand vom Sterben als beste Lösung spricht – selbst wenn der Ton dabei flapsig klingt.“ Denn wer seinen Suizid im Kopf hat, will unbedingt ernst genommen werden.

Wünschenswert: Erste-Hilfe-Kurse für den Umgang mit Psychoproblemen

Damit Angehörige, Freunde oder Kollegen bei Psychokrisen eines Menschen weniger hilflos sind, haben australische Psychologen schon vor 20 Jahren das Projekt „Mental Health First Aid“ entwickelt. Der Erste-Hilfe-Kurs für die Seele will Laien vermitteln, wie sie Menschen bei Panikattacken, Suizidgedanken oder akuten psychischen Krisen zur Seite zu stehen können. Das Programm, das vor allem in den USA populär ist, hat sich in Deutschland nie durchgesetzt. Es gibt keine Erste-Hilfe-Kurse für die Seele.

Experten bedauern das. Denn der positive Nebeneffekt eines solchen offenen Angebots für jedermann sei, dass die Öffentlichkeit mehr Verständnis für psychisch Kranke entwickle und die Hemmschwelle sinke, Freunde oder Kollegen bei psychischen Auffälligkeiten anzusprechen. Mit mehr Offenheit könnte manche Psychokrise bewältigt werden, bevor sie zum scheinbar unlösbaren Problem wird und im Suizid endet.

Eine Rund-um-die-Uhr-Anlaufstelle für alle Menschen in psychischer Not ist die Telefonseelsorge mit den deutschlandweiten Telefonnummern 08001110-111 oder -222.

Die Internetplattform „Freunde fürs Leben“ gibt Hilfestellung bei drohendem Suizid. Weitere Informationen finden Sie auch bei der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention. Ein Verzeichnis von Beratungsstellen finden Sie hier: Suizidprophylaxe.de.

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