Ansturm auf die Telefonseelsorge: Jetzt kommen die Ruheständler zurück und helfen

Ansturm auf die Telefonseelsorge: Jetzt kommen die Ruheständler zurück und helfen

In der Coronavirus-Krise wenden sich deutlich mehr Menschen als sonst an die Telefonseelsorge in Deutschland – aktuell rufen Tag für Tag gut 50 Prozent mehr Menschen diesen kostenlosen Service an, bei dem man Tag und Nacht anonym Rat und Hilfe in existenziellen Notlagen bekommen kann. Das bestätigten mehrere Anbieter dieses Dienstes dem stern.

Doch wie bewältigt man diesen regelrechten Ansturm? Es gibt in diesem Metier – wie in der normalen Wirtschaftswelt – einen Mangel an Fachkräften. Und so kursierte schon zu Beginn der Corona-Krise die Idee, ehemalige Helfer aus dem Ruhestand zurückzuholen.

Die Senioren haben offenbar genau zugehört, als dieser Hilferuf kam: „Wir haben es geschafft, Menschen aus dem Ruhestand zurückzuholen“, sagt Uwe Müller, Geschäftsführer der Kirchlichen Telefonseelsorge in Berlin und Brandenburg. Müller ist gerührt über die große Hilfsbereitschaft und die Solidarität: „Es ist eine schöne Erfahrung, dass für diese ehemaligen Mitarbeiter die Telefonseelsorge noch so eine große Rolle spielt in ihrem Leben – das ist wie ein Blumenstrauß“.

Exit aus der Krise

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Senioren packen bei der Telefonseelsorge mit an

Gut 15 ältere, ehemalige Mitarbeiter, seien allein in seiner Geschäftsstelle extra wegen der Corona-Krise in ihre alte Ehemaligen-Tätigkeit zurückgekehrt, sagt Müller. Insgesamt arbeiten bei der Kirchlichen Telefonseelsorge in Berlin und Brandenburg knapp 140 Freiwillige. Es ist eine von vielen Einrichtungen dieser Art hierzulande.

Dafür, dass mehr Menschen als sonst die Telefonseelsorge in Deutschland anrufen, gibt es vor allem zwei Ursachen: Erstens verstärkten die Vorsichtsmaßnahmen wegen der Coronavirus-Pandemie die Einsamkeit vieler Menschen: Man darf sich nicht mehr in Gruppen treffen, Restaurants oder Kinos besuchen. Und zweitens wachse bei vielen auch die Angst vor wirtschaftlicher Not. Viele Menschen hätten derzeit deutlich weniger direkte soziale Kontakte als in „Vor-Corona-Zeiten“, beobachten die Telefonseelsorger in Deutschland. Denn die sozialen Kontakte müssen wegen der großen Ansteckungsgefahr eingeschränkt werden.

„Social Distancing“ bedeutet oft auch Isolation

Allein gelassen mit seinen Problemen – da kommt man schnell ins Grübeln. Die Probleme nehmen Dimensionen an, zu denen sie sich unter anderen Umständen nicht auswachsen würden. „Es existieren auch ganz viele realitätsfremde, paranoide Ängste derzeit“, hat etwa Pastorin Glöckner beobachtet. Sie ist Leiterin der Evangelischen Telefonseelsorge in Hamburg, und sprach mit dem stern über die aktuelle Lage der Telefonseelsorge.

Auch wenn die Menschen in den Gesprächen mit den ehrenamtlichen Telefonseelsorgern vielleicht nicht direkt sagen, dass sie sich isoliert fühlen – die Ehrenamtlichen am Telefon nähmen die Einsamkeit zwischen Zeilen deutlich wahr, so die Pastorin.

In der aktuellen Corona-Krise falle es vielen Menschen sehr schwer, ohne ihre normalen Gruppenerlebnisse klar zu kommen, dazu zählten zum Beispiel Selbsthilfegruppen, die für Menschen mit psychischen Problemen besonders wichtig sind. „Auch der intensivere Austausch mit Nachbarn unterbleibt zunehmend“, so Glöckners Beobachtung. Sportgruppen können nicht mehr besucht werden. Dies alles trage zur Vereinsamung bei.

Menschen mit psychischen Erkrankungen seien von Einsamkeit besonders betroffen. „Der Druck nimmt zu“, so die Pastorin. Es riefen auch mehr Menschen als sonst bei der Telefonseelsorge an, die an einen Suizid denken.

Die Telefonseelsorge könne helfen, da ist sich die Pastorin sicher. Ihr Team ist – wie die übrigen Anbieter der Telefonseelsorge in Deutschland – Tag und Nacht anonym und kostenlos zu erreichen. „Es ist hilfreich, wenn ein Mensch die Angst eines anderen Menschen ernst nimmt“, sagt sie.

Ein Ehrenamt, für das man extra geschult sein muss

Die Telefonseelsorger in Deutschland arbeiten ehrenamtlich. Um am Telefon Menschen in seelischen Notlagen beraten zu dürfen, muss man Schulungen und Monitorings absolvieren. Dieses Ehrenamt ist traditionell bei Frauen beliebt.

Nicht nur die Einsamkeit werde aktuell als besonders schlimm empfunden, sagt Uwe Müller von der Kirchlichen Telefonseelsorge in Berlin und Brandenburg. Aktuell geraten viele Menschen in finanzielle und damit auch existenzielle Nöte. Oder sie haben Angst, dass es so weit kommen kann – etwa, weil Restaurants oder Läden schließen müssen, Veranstaltungen abgesagt werden oder sie als Freiberufler nicht mehr für ihre üblichen Aufträge gebucht werden. Der aktuelle Ansturm auf das Kurzarbeitergeld oder auf staatliche Unterstützung geben einen Eindruck davon, wie viele Menschen sich in Deutschland gerade vor finanziellen Notlagen fürchten.

In Zeiten vor der Coronavirus-Pandemie seien beispielsweise vor allem familiäre Schwierigkeiten, die Trauer um einen Partner oder eine schlimme medizinische Diagnose Gründe gewesen, um bei der Telefonseelsorge anzurufen, sagt Müller. Nun kämen auch noch Notlagen hinzu wie: „Mein Arbeitgeber geht pleite, ich habe Angst vor der Arbeitslosigkeit“ oder „Ich muss wahrscheinlich wegen der Corona-Krise meinen kleinen Laden aufgeben“.

Angehörige im Pflegeheim dürfen nicht mehr besucht werden

„Es rufen auch Menschen an, die ihre Angehörigen nicht mehr im Pflegeheim oder Hospiz besuchen dürfen“, sagt Müller. Die Vorstellung, dass Menschen in dieser Zeit allein gelassen sterben müssen, sei kaum erträglich. „Wo bleibt das die Barmherzigkeit?“

Geschäftsführer Müller arbeitet selbst als Telefonseelsorger und erlebt daher den aktuellen Ansturm auf die Einrichtung hautnah. „Wenn man den Hörer auflegt, dann klingelt es sofort wieder“, hatte er schon vor einem halben Monat beobachtet, als die Coronavirus-Maßnahmen gerade in Kraft getreten waren. „Neun von zehn Anrufen drehen sich derzeit um Corona“, sagte er seinerzeit. Nur nachts sei es etwas ruhiger. 

Die Telefonseelsorger können die Probleme zwar nicht lösen – aber helfen, sie in einem realistischeren Licht zu sehen, nicht mehr im Panik-Modus. Dieses Sortieren der Gedanken helfe den Betroffenen. „Wir schaffen es, die Menschen von einem Level der Verzweiflung auf ein ‚Beunruhigt‘-Level herunterzubekommen“, sagt Müller.

Auch Pastorin Glöckner hat die Erfahrung gemacht, dass ein zweiter, etwas distanzierterer Blick auf ein Problem einem Betroffenen schon sehr helfen kann: „Man darf nicht gemeinsam Panik bekommen“, sagt sie. Die Telefonseelsorge sei in diesen Zeiten ein Fels in der Brandung.

Hilfe in Notlagen

Existenzangst und soziale Isolation: Ansturm auf Telefonseelsorge in der Corona-Krise

Ältere Menschen gelten in der Corona-Krise als Risikogruppe

Umso erfreulicher, dass für diese Freiwilligen-Arbeit ältere Menschen extra aus ihrem Ruhestand zurückkehren. Manche dieser reaktivierten Mitarbeiter seien 75 Jahre und älter, sagt Müller. „Sie gehören damit auch zu einer Risikogruppe“. Allerdings gebe es in der Corona-Krise sogar Einsatzmöglichkeiten von zu Hause aus – was normalerweise in der Telefonseelsorge nicht möglich ist. So werde das „Corona-Seelsorgetelefon“, ein neues ökumenisch organisiertes Angebot, auch aus dem Homeoffice betreut. Normalerweise müssen Telefonseelsorger von speziell ausgestatteten Arbeitsplätzen in der jeweiligen Beratungsstelle arbeiten. Heimarbeit war bislang hier nicht vorgesehen.

Die Telefonseelsorge berät nicht nur auf Deutsch, sondern in etlichen weiteren Sprachen, beispielsweise auf Russisch oder Türkisch. Auch gibt es eine muslimische Telefonseelsorge. Doch egal in welcher Sprache und bei welchem Problem die Helferinnen und Helfer am Telefon angerufen werden – die Betreiber dieser ehrenamtlichen Angebote rechnen damit, dass der Ansturm vorerst nicht abebbt, denn die Corona-Krise ist ja noch in vollem Gang. Für die reaktivierten Ruheständler gibt es also viel zu tun – und zu helfen.

Sie haben suizidale Gedanken?

Hilfe bietet die Telefonseelsorge. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr unter 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222 erreichbar. Auch eine Beratung über E-Mail ist möglich. Eine Liste mit bundesweiten Hilfsstellen findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention.

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