Biontech will im Dezember Impfstoff präsentieren – wo wir im Kampf gegen Corona stehen

Biontech will im Dezember Impfstoff präsentieren - wo wir im Kampf gegen Corona stehen

Optimisten hoffen, dass es Ende des Jahres einen wirksamen Impfstoff gegen das Coronavirus gibt. Vielversprechende Kandidaten haben Biontech, Curevac und Moderna ins Rennen geschickt. Sie alle testen RNA-Wirkstoffe. Welcher gerade wo steht.

Einer derjenigen, die Optimismus in Sachen Impfstoff verbreiten, ist Ugur Sahin. Der Chef des Mainzer Unternehmens Biontech glaubt, dass der in Kooperation mit dem US-Pharmakonzern Pfizer entwickelte Impfstoff bis Dezember zulassungsreif sein wird.

Für seine Zuversicht hat Sahin allen Grund. Nach ersten erfolgreichen Tests an Probanden verpasste die FDA dem Impfstoff gerade einen weiteren Turbo. Die US-Arzneimittelbehörde hat ein beschleunigtes Zulassungsverfahren für zwei mögliche Impfstoffkandidaten genehmigt. Es handele sich um die am weitesten entwickelten Varianten mit Namen BNT 162b1 und BNT 162b2.

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Diese und weitere RNA-Impfstoffe lieferten positive Ergebnisse im Rennen zum Impfstoff gegen Sars-CoV-2: Die Probanden bildeten neutralisierende Antikörper gegen das Virus – und zwar mehr als natürlich Infizierte.

„Daten zur Immunantwort nach Impfung beim Menschen sind tatsächlich ein wichtiger und ermutigender Schritt auf dem Weg zu einem Impfstoff“, sagte der Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts, Klaus Cichutek. Das gelte insbesondere bei einem RNA-Impfstoff. Denn es gebe noch keine solchen zugelassenen Human-Impfstoffe, und es sei weltweit auch wenig Erfahrung mit „präventiven RNA-Impfstoffen“ da. Biontech hatte hierzulande als erstes Unternehmen die Genehmigung des Paul-Ehrlich-Instituts für seine Tests bekommen.

So funktioniert die Impfung mit dem Biontech-Impfstoff

Biontech sowie die Tübinger Firma Curevac und das US-amerikanische Biotech-Unternehmen Moderna testen in den USA und Europa sogenannte RNA-Impfstoffe. Diese bestehen aus sogenannter Boten-RNA, auch Messenger-RNA (mRNA) genannt, und nicht aus winzigen Viruspartikeln wie andere Impfstoffe. Die mRNA wird im Labor künstlich hergestellt und enthält eine präzise Bauanleitung für erregerspezifische Antigene. Das sind die für den jeweiligen Erreger typischen Eiweißstoffe, die eine Immunreaktion im Körper provozieren.

Für die Impfung wird diese mRNA zunächst in kleinste Transportpartikel verpackt, die dann zum Beispiel in einen Muskel oder unter die Haut gespritzt werden. Dort wird die mRNA von Körperzellen aufgenommen und dient als Kopiervorlage. Der Körper ist also konfrontiert mit Virus-typischen Antigenen und bildet daraufhin die erwünschten Antikörper, die sich gegen die Antigene des Virus richten.

Der Mechanismus dahinter: Wenn die mRNA-modifizierten Zellen im Impfstoff vorübergehend die Bruchstücke des zu bekämpfenden Virus präsentieren, lernt die Immunabwehr der Geimpften. Im Falle einer tatsächlichen Infektion schützt sie schließlich ebenso vor dem natürlichen Erreger. Menschen werden immun.

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Was haben die aktuellen Tests ergeben?

BNT 162b1 heißt der Impfstoffkandidat, zu dem bereits detaillierte US-Ergebnisse vorliegen. Die erfolgten Tests umfassten 45 gesunde Probanden im Alter von 18 bis 55 Jahren. 24 davon bekamen je zwei Injektionen des Wirkstoffs – einige in etwas höherer Dosis. Zwölf Probanden erhielten letztlich nur einmal eine hohe Dosis, dieser Ansatz wurde nicht weiterverfolgt. Hinzu kam eine neunköpfige Kontrollgruppe, die zwei Dosen Placebo bekam.

Sieben Tage nach der zweiten Impfung wurden bei allen 24 Probanden mit zwei Impfungen Antikörper festgestellt, die das Virus Sars-CoV-2 in einem anschließenden Labortest ausschalten konnten. Diese Testpersonen zeigten auch eine deutlich stärkere Antikörperbildung als Menschen, die bereits mit Sars-CoV-2 infiziert waren. Abhängig von der Impfstoff-Dosis hatten die Geimpften 1,8 oder 2,8 Mal mehr neutralisierende Antikörper gegen das Coronavirus gebildet.

Als zweites Unternehmen in Deutschland durfte die Tübinger Firma Curevac mit der klinischen Prüfung eines Impfstoffs beginnen. An der Uniklinik startete Mitte Juni eine Phase-1-Studie, um den Impfstoff CVnCoV auf seine Verträglichkeit zu testen. Seitdem haben rund 50 Menschen das Mittel erhalten. „Bisher ist alles im grünen Bereich“, sagte Studienleiter Peter Kremsner. Es gebe weder sensationelle noch erschreckende Befunde.

Insgesamt sollen 168 Probanden geimpft werden – neben Tübingen auch in Testzentren im belgischen Gent, in Hannover und in München.   
 
 

Schon Mitte März begann das amerikanische Biotech-Unternehmen Moderna die erste klinische Studie mit dem Impfstoff mRNA-1273 an 45 gesunden Freiwilligen. Zwei Monate später meldet das kleine Unternehmen „vielversprechende Ergebnisse“.

Die Probanden der US-Firma, die innerhalb von zwei Monaten zwei Injektionen des Impfstoffs bekamen, entwickelten mehr neutralisierende Antikörper als Personen, bei denen eine Coronavirus-Infektion diagnostiziert worden war, wie es in einer Pressemitteilung hieß. Die beteiligten Forscher stellten die Ergebnisse gerade auch in einer Studie im „New England Journal of Medicine“ (NEJM) vor. Der Hersteller Moderna sprach von einer „robusten Immunreaktion“, die nun den Weg für wesentlich größere Studien zur Wirksamkeit ebne.

Nach ersten positiven Ergebnissen hatte Moderna die erste Phase auf 120 Probanden erweitert, um auch die Sicherheit des Impfstoffs bei älteren Menschen zu testen. Die Ergebnisse der erweiterten Studie liegen allerdings noch nicht vor.

Welche Nebenwirkungen gab es?

Zu schwerwiegenden Nebenwirkungen kam es Biontech und Pfizer zufolge nicht. Die Kandidaten mit zwei Impfungen berichteten lediglich „milde bis moderate lokale und systemische Reaktionen“, wie es im Pressebriefing hieß. Die häufigste lokale Reaktion sei ein Schmerz an der Einstichstelle gewesen. Einige Probanden reagierten mit leichtem Fieber auf die Impfung. Mit höherer Dosierung fielen die Nebenwirkungen stärker aus.

Laut Studienleiter Peter Kremsner sind während der Curevac-Testung noch keine überraschenden Nebenwirkungen aufgetreten.

Ähnlich fielen die Ergebnisse der Impfungen mit mRNA-1273 von Moderna aus. Im „NEJM“ berichteten die Wissenschaftler, dass die Hälfte der Patienten über Müdigkeit, Schüttelfrost, Kopfschmerzen, Muskelschmerzen und Schmerzen an der Einstichstelle klagte. Vor allem nach der zweiten Impfdosis und besonders bei der höchsten Dosierung traten systemische Reaktionen wie Fieber auf. Drei Probanden hatten mit einer oder mehreren schweren Nebenwirkungen zu kämpfen.

Grundsätzlich sehen Mediziner für RNA-Impfstoffe ein geringeres Risiko für Nebenwirkungen als bei klassischen Impfstoffen, weil bei der Herstellung keine giftigen Substanzen oder Zellkulturen verwendet werden. Eine Verunreinigung des fertigen Impfstoffs ist daher unwahrscheinlich.  
 
 

Wie optimistisch stimmen die Ergebnisse?

Mit dem Impfstoff gegen das Coronavirus könnte es nach diesen Resultaten schneller gehen, als gedacht. Das Mainzer Biopharma-Unternehmen Biontech und der US-Konzern Pfizer zeigen sich nach ihren aktuellen Testergebnissen optimistisch. Bei Tests in den USA entwickelten alle Probanden wirksame Antikörper gegen Sars-CoV-2. Unklar ist noch, ob diese Antikörper tatsächlich vor einer Infektion schützen. Das sollen nun Tests mit bis zu 30.000 Probanden zeigen.

Mehrere Experten bewerteten die Resultate ebenfalls positiv. Die Ergebnisse seien „sehr bemerkenswert“, sagte der Immunologe Bernhard Fleischer, ehemaliger Direktor des Bernhard-Nocht-Instituts für Tropenmedizin. Er würde davon ausgehen, mit dem Impfstoff vor einer Infektion mit dem Coronavirus geschützt zu sein. Erwiesen sei das aber noch nicht.

„Das sind ganz gute Signale“, kommentierte auch Stephan Becker, Virologe an der Universität Marburg. Insbesondere sei gut, dass die Antikörperkonzentration höher sei als bei Menschen, die eine Infektion durchgemacht haben.

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  • Wie geht es im Zeitplan zum Impfstoff weiter?

    Trotz allem Optimismus geht auch der Professor für experimentelle Onkologie Sahin nicht davon aus, dass ein Impfstoff die Krankheit sofort auslöscht. Im Interview mit dem „Wall Street Journal“ warnt er: Um das Virus, das nun Millionen Menschen infiziert hat, zurückzudrängen, könnte es noch zehn Jahre dauern – trotz der globalen Anstrengungen und schnellen Fortschritte.

    Die Daten der aktuellen Biontech-Studie aus den USA sind bereits auf dem Preprint-Server Medrxiv verfügbar.

    Sie wurden außerdem eingereicht, um in einem Fachjournal veröffentlicht zu werden. Biontech-Mitbegründer Ugur Sahin nannte die vorläufigen Daten sehr ermutigend. Sie zeigten, dass der Impfstoffkandidat „eine Immunantwort mit neutralisierenden Antikörpern im Menschen induzieren kann“.

    Biontech testet potenzielle Impfstoffe auch in Deutschland. Noch im Juli sollen Ergebnisse hierzu präsentiert werden.

    Nächster Schritt, Phase 2b/3-Studie: Mit den bereits erfolgten und sich nun anschließenden Tests wollen Biontech und Pfizer die richtige Dosis für einen möglichen Impfstoff herausfinden. Es muss auch eine Auswahl getroffen werden, mit welchen Impfstoffkandidaten in der großangelegten, globalen Studie mit mehr als 30.000 gesunden Probanden gearbeitet wird. Sofern die Behörden sie genehmigen, könnte diese Ende Juli 2020 beginnen und bis Ende des Jahres abgeschlossen sein.

    In Phase 1 werden Wirkstoffe üblicherweise an gesunden Menschen getestet, um zu prüfen, dass der Impfstoff sicher und verträglich ist.

    In Phase 2 wird eine kleinere Zahl von Patienten behandelt, bei denen aufgrund ihrer Gesundheit eine Wirkung angenommen wird.

    Neu während der Pandemie ist, dass beide Phasen kombiniert werden können: Sicherheit, Verträglichkeit und optimale Dosierung eines Wirkstoffs können gleich mit mehreren hundert Teilnehmern getestet werden. Normalerweise ist die Teilnehmerzahl einer Phase-1-Studie aus Sicherheitsgründen auf weniger als 100 begrenzt.

    Phase 3 bezeichnet große Tests an mehreren Tausend Menschen zu Wirksamkeit und Sicherheit des Impfstoffs.

    Professor Kremsner zeigte sich im „Klartext Corona“-Podcast Ende Juni (Podcast-Folge Nr. 50) über den Ablauf der Curevac-Tests optimistisch: „Es geht sehr gut voran: Wir wollen in rund zwei Monaten ein erstes Ergebnis aus Phase-1 haben, in der an jüngeren, gesunden Freiwilligen getestet wird. Dann beginnt Phase-2 mit älteren Freiwilligen, die zur Risikogruppe zählen, und möglichst noch dieses Jahr soll Phase-3 starten, in der Wirksamkeit und Verträglichkeit in einem besonders betroffenen Land getestet wird.“

    Alles laufe völlig regelkonform ab, trotz deutlich beschleunigter Abläufe: „Ich bin mir sicher, dass in der Europäischen Union alle Standards bei Zulassungsbehörden und Ethikkommissionen eingehalten werden – alles muss im Detail wie immer stimmen, aber es muss einfach alles sehr, sehr schnell gehen.“

    Der Impfstoff mRNA-1273 von Moderna soll ab Ende Juli in einer Phase 3-Studie an rund 30.000 Probanden getestet werden. Die Studie soll bis Oktober 2022 dauern, Ergebnisse kann es aber schon vorher geben.

    Wegen des kurzen Studienzeitraums war auch noch nicht klar, ob und wie lange die Antikörper die Probanden tatsächlich vor einer Infektion mit dem Coronavirus schützen könnten. Das Blut der Teilnehmer solle daher noch ein Jahr lang regelmäßig auf den Anteil von Antikörpern geprüft werden, hieß es in der Studie.

    Welche Fragen sind noch zu klären?

    Ob der Impfstoffkandidat von Biontech tatsächlich vor einer Infektion schützt, zeigten die Ergebnisse nicht, sagte Becker. Zudem sei unklar, ob die Impfung zum Aufbau eines sogenannten Immungedächtnisses führt. Dann wäre der Körper auf eine Infektion mit dem Coronavirus wirksam vorbereitet.

    Um das zu zeigen, müssen viele tausend Menschen geimpft werden. So ließe sich überprüfen, wie viele von ihnen sich unter realen Bedingungen mit dem Coronavirus infizieren. Becker ist an den Corona-Projekten von Biontech nicht beteiligt, kooperiert aber mit der Firma bei anderen Aktivitäten.

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    Welche Hürden sind noch zu nehmen?

    Ein wichtiger Punkt auf dem Weg zur Zulassung des Biontech-Impfstoffs, sei die Diversifizierung der Probanden. Denn, so räumte das Unternehmen im Pressebriefing selbst ein: Aktuell sei der Impfstoff lediglich an Kandidaten, die jünger als 55 Jahre seien, getestet. Es fehle also die Erprobung an Menschen, die älter sind und besonders auf den Schutz angewiesen.

    Wann kommt der Impfstoff auf den Markt, wenn es gut läuft?

    Ende des Winters kann es, Peter Kremsner zufolge, eine vorläufige Zulassung für den Curevac-Impfstoff geben, der dann Anfang des Jahres verabreicht werden kann. Florian von der Mülbe, Chief Production Officer des Unternehmens, zeigt sich zudem positiv, große Mengen produzieren zu können: Dank der Produktionsanlage in Tübingen seien sie „in der Lage, Material für mehrere hundert Millionen Dosen unserer mRNA-basierten Impfstoffe herzustellen. Eine neue Produktionsanlage, die wir in den nächsten zwei Jahren fertig stellen möchten, wird es uns anschließend ermöglichen, Material für mehrere Milliarden Impfstoffdosen pro Jahr zu produzieren.“

    BNT 162b1 und BNT 162b2 sind aktuell noch in keinem Land der Welt offiziell zugelassen. In der gemeinsamen Pressemitteilung von Biontech und Pfizer hieß es: „Sollte die Studie erfolgreich verlaufen und der Impfstoff die behördliche Zulassung erhalten, planen die beiden Firmen, bis Ende 2020 bis zu 100 Millionen Impfstoffdosen und bis Ende 2021 möglicherweise mehr als 1,2 Milliarden Impfstoffdosen produzieren zu können.“

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