Corona wetzt durch Nord- und Lateinamerika – desaströser Dreiklang wirkt als Brandbeschleuniger

Corona wetzt durch Nord- und Lateinamerika - desaströser Dreiklang wirkt als Brandbeschleuniger

In vielen Ländern Nord- und Lateinamerikas spitzt sich die Corona-Lage immer weiter zu. Das Virus wütet unerbittlich. Dass es so weit kommen konnte, liegt vor allem an drei Faktoren: Ignoranz, Armut und Bevölkerungsdichte in Ballungszentren.

Knapp 40 Millionen Menschen leben im US-Bundesstaat Kalifornien, der für seine Nationalparks, Strände und Sehenswürdigkeiten wie die Golden Gate Bridge bekannt ist. Nun macht die Region jedoch mit einem traurigen Rekord von sich Reden. Denn Kalifornien gilt seit wenigen Tagen als Corona-Epizentrum der USA, mit mehr als 448.000 Infizierten hat der US-Bundesstaat den bisherigen Spitzenreiter New York abgelöst.

Die USA sind das am schwersten von der Corona-Pandemie betroffene Land, gefolgt von Brasilien, Indien und Russland. Über 16 Millionen Menschen weltweit haben sich laut "Johns Hopkins University" inzwischen mit dem Erreger angesteckt, rund 645.000 sind an Covid-19 gestorben. Zunehmend entwickeln sich neben Brasilien auch andere lateinamerikanische Regionen zu Virus-Hochburgen. So befinden sich Mexiko, Peru und Chile unter den Top 10 der weltweiten Corona-Hotspots, auch Argentinien zählt zu den 20 am schlimmsten von der Pandemie betroffenen Ländern.

Dass die Corona-Fallzahlen in den USA und einigen lateinamerikanischen Ländern in die Höhe geschossen sind und immer weiter steigen, ist vor allem auf drei Faktoren zurückzuführen: Armut, Ignoranz und Bevölkerungsdichte in Ballungszentren.

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Brasilien auf Platz 2 der weltweiten Corona-Hotspots

Dass die USA das weltweite Corona-Ranking anführen, ist inzwischen in aller Munde. Aber auch Lateinamerika ist schwer von der Corona-Pandemie betroffen. So schwer, dass gleich vier Länder in den Top-10 der weltweiten Epizentren auftauchen: Brasilien, Mexiko, Peru und Chile. Brasilien nimmt im weltweiten Ranking sogar den zweiten Platz ein. Laut Johns Hopkins University verzeichnet das Land aktuell rund 2,4 Millionen Corona-Fälle, 86.449 Menschen sind in Brasilien bisher an Covid-19 gestorben. Knapp 51.100 Neuinfektionen kamen am Samstag hinzu. Screenshot Johns Hopkins University

Grafiken der Johns Hopkins University zeigen: Seit März verzeichnete Brasilien zunehmend mehr tägliche Neuinfektionen. Auch wenn deren Zahl an manchen Tagen im Vergleich zum Vortag wieder etwas schrumpfte, ging der Trend insgesamt nach oben. Dass Brasilien zum Corona-Hotspot wurde, dürfte mit dem Krisen-Management des Präsidenten zusammenhängen.

Brasiliens Staatsoberhaupt Bolsonaro zeigt sich ignorant

Jair Bolsonaro hatte Covid-19 immer wieder als "leichte Grippe" bezeichnet. So setzte sich der brasilianische Präsident wiederholt über eine in der Hauptstadt Brasília geltende Maskenpflicht hinweg. Bei Treffen mit Anhängern trug er keine Maske, das Abstandsgebot missachtete Bolsonaro, indem er Anhänger umarmte und ihnen die Hände schüttelte. Obwohl er sich inzwischen selbst mit Corona angesteckt hat, bleibt der brasilianische Präsident dabei: "Das Leben geht weiter. Die meisten machen sich ja vor allem Sorgen um ihren Arbeitsplatz. Wir müssen wieder zurück zur Arbeit, sonst könnte die Wirtschaft in eine sehr schwierige Situation geraten." dpa/Eraldo Peres/AP/dpa Bolsonaro bezeichnete das Coronavirus mehrfach als „leichte Grippe“ und lehnte Einschränkungen und Schutzmaßnahmen ab.

Zur (gesundheitlichen) Ignoranz des Präsidenten kommt auch die Bevölkerungsdichte des Landes, die die Corona-Bekämpfung in Brasilien erschwert. So sagte Andrés Malamud, argentinischer Politologe an der Universität Lissabon, im Gespräch mit dem "Deutschlandfunk": "Länder mit geringer Bevölkerungsdichte kommen glimpflicher davon. Sowohl in Uruguay als auch in Brasilien wurde keine frühe Pflicht-Quarantäne verhängt. Das dünnbesiedelte Uruguay steht gut da, aber in den Ballungsräumen Brasiliens hat Corona zu einem Desaster geführt." Insbesondere in brasilianischen Metropolen wütet Covid-19 stark.

Und auch Armut spiele laut dem Experten eine Rolle bei der Virus-Ausbreitung. "Menschen ohne festes Arbeitsverhältnis leben oft von der Hand in den Mund und können es sich nicht leisten, zu Hause zu bleiben", erklärte Malamud.

Mexiko: Präsident behauptet, Nutzen von Masken sei nicht wissenschaftlich erwiesen

Mexiko gilt inzwischen als das Land mit den sechstmeisten bestätigten Corona-Fällen. Laut Johns Hopkins University gibt es dort rund 385.000 Infizierte, 42.645 Menschen sind in Mexiko infolge einer Corona-Erkrankung gestorben. Damit hat Mexiko die viertmeisten Todesfälle registriert – nur in den USA, Brasilien und Großbritannien waren es bisher mehr. Wie Grafiken der Johns Hopkins University veranschaulichen, registrierte das Land am Samstag rund 6.100 Neuansteckungen – leicht unter dem Rekord vom Donnerstag. Screenshot Johns Hopkins University

Dennoch erhöhte sich die Zahl der täglichen Corona-Infektionen in Mexiko seit dem Frühling nahezu konstant. Waren es im März nur knapp 50 Fälle pro Tag, stieg deren Anzahl bis Juli auf mehrere tausend. Trotzdem dürften die wahren Corona-Zahlen in dem nordamerikanischen Land noch deutlich höher liegen als offiziell bestätigt. Denn Mexiko testet im internationalen Vergleich äußerst wenig auf den Erreger Sars-CoV-2, der die Lungenkrankheit Covid-19 auslösen kann.

Die Ursachen für den rapiden Anstieg der Corona-Fallzahlen in Mexiko dürften im laschen Krisen-Management der Regierung liegen. Mexiko verhängte nie eine verbindliche Ausgangssperre oder ähnlich strenge Anti-Corona-Maßnahmen. Inzwischen haben in Teilen des Landes – darunter der Hauptstadt – Geschäfte und Restaurants wieder geöffnet. Präsident Andrés Manuel López Obrador behauptet seit zwei Monaten zudem immer wieder, Mexiko habe das Coronavirus gebändigt. Erst vor wenigen Wochen ließ er sich für einen Staatsbesuch in Washington zum ersten Mal testen, mit Atemschutzmaske sieht man ihn fast nie. In seiner täglichen Pressekonferenz darauf angesprochen, sagte López Obrador am Freitag, die Nützlichkeit von Masken sei nicht wissenschaftlich erwiesen.

Laut einem Bericht der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" arbeitet zudem jeder zweite Mexikaner im irregulären Sektor. Jeder Tag ohne Einkommen sei existenzbedrohend, weshalb viele Bürger trotz Virusgefahr das Haus verlassen würden, heißt es in dem Beitrag. Dazu komme ein Misstrauen gegenüber Eliten. So sagte Präsident Obrador im Juni: "Ginge es nach den Experten mit ihrem sicheren Einkommen, dann müssten wir für immer zu Hause bleiben."

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Peru und Chile: Trotz strikter Ausgangssperren rasante Verbreitung

Ähnlich wie in Brasilien und Mexiko steigen die Corona-Zahlen auch in Peru und Chile rasant. Laut Johns Hopkins University zählt Peru aktuell knapp 376.000 Infizierte, 17.843 Menschen sind dort bereits an Covid-19 gestorben. In Chile wurden rund 344.000 Fälle und 9.020 Corona-Tote registriert. Mit Blick auf die tägliche Rate an Neuinfektionen unterscheiden sich die beiden südamerikanischen Länder jedoch deutlich voneinander.

So verdeutlichen die Grafiken der Johns Hopkins University: Während Peru am Freitag noch 4.900 Neuansteckungen verzeichnete, waren es in Chile lediglich 2.300. In Peru erhöhten sich die Fallzahlen von Anfang April bis Anfang Juni rasant, flachten aber Ende des Monats ab. Dennoch infizierten sich in dem südamerikanischen Land im Juli stets mehr als 3.000 Personen täglich mit dem Coronavirus. In Chile sieht die Situation anders aus. Hier erreichte die Corona-Wachstumskurve ihren bisherigen Höhepunkt mit 36.200 Neuinfektionen am 17. Juni, anschließend schrumpften die Fallzahlen wieder.

Screenshot John Hopkins University Neuansteckungen in Peru Screenshot Johns Hopkins University Tägliche Fallzahlen in Chile

Trotzdem gelten beide Länder nach wie vor als Corona-Epizentren und nehmen auf der Liste der weltweiten Pandemie-Brennpunkte die Plätze 7 und 8 ein. Dabei hatten die Regierungen beider Staaten schon früh drastische Einschränkungen für die Bevölkerung beschlossen, um die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen. Die Ausgangssperre, die Peru verhängte, wurde gar als "vielleicht strengste Südamerikas" bezeichnet. Das Virus konnte man damit jedoch nur bedingt stoppen, was – wie auch in Mexiko und Brasilien – auf die Armut der Bevölkerung zurückzuführen ist.

"Aber was soll ich tun, wenn die Kinder um Essen bitten"

Die "Tagesschau" zitiert einen peruanischen Taxifahrer mit den Worten: "Natürlich habe ich Angst. Aber was soll ich tun, wenn die Kinder um Essen bitten. Ich trage Handschuhe und dusche nach der Arbeit – gründlich." Viele Menschen in der Region können es sich nicht leisten, wegen der Corona-Gefahr zu Hause zu bleiben. Wie "CNN" berichtet, besitzt zudem nur jeder zweite Peruaner einen Kühlschrank, viele müssen daher häufig das Haus verlassen, um frische Lebensmittel zu besorgen.

Und auch die hohe Bevölkerungsdichte in Ballungszentren sowie das starke gemeinschaftliche Zusammenleben sind Risikofaktoren, die die Verbreitung des Virus fördern. In Armenvierteln in Peru und Chile leben oft mehrere Generationen zusammen auf wenigen Quadratmetern. An Abstand halten ist vor diesem Hintergrund kaum zu denken. Die Lage in den südamerikanischen Ländern ist also weiterhin angespannt und könnte sich sogar noch weiter zuspitzen. Denn auch in Argentinien steigen die Corona-Zahlen aktuell bedrohlich schnell. Allein am Samstag infizierten sich dort rund 4.700 Menschen.

Corona-Hotspot USA: Lockerungen als Ursache für hohe Fallzahlen

Ein Land steht jedoch mit weitem Abstand an der Spitze der weltweiten Corona-Epizentren: Die USA. Laut Johns Hopkins University gibt es dort mittlerweile rund 4,2 Millionen Infizierte. 146.460 Menschen sind in den Vereinigten Staaten an Covid-19 gestorben, allein gestern kamen rund 65.500 Neuansteckungen hinzu. Grafiken der Johns Hopkins University zeigen, dass sich die Rate an neuen Corona-Infektionen in den USA von März bis Mai erhöht hat. Nach einer vorübergehenden Abflachung der Wachstumsrate verzeichneten die Vereinigten Staaten ab Juni einen rapiden Anstieg der täglichen Neuinfektionen.

Screenshot Johns Hopkins University

Dass die Fallzahlen in den USA seit Mai explodieren, schreiben Experten einer zu frühen Lockerung der Corona-Schutzmaßnahmen zu. Anthony Fauci, Trumps ehemaliger Chef-Immunologe, hatte damals bereits gewarnt: Eine zu schnelle Aufweichung der Virus-Regeln könne "nicht nur zu unnötigem Leid und Tod führen, sondern uns auch in unserem Streben nach einer Rückkehr zur Normalität zurückwerfen". Tatsächlich sollte der 79-Jährige Recht behalten. Viele "Sunbelt-Staaten" wie Florida, Arizona und Kalifornien lockerten die Corona-Beschränkungen besonders früh. Sie haben nun mit massiven Ausbrüchen zu kämpfen, sind sogar zu Lockdown-Maßnahmen zurückgekehrt. So mussten Bars, Museen und Kinos in Kalifornien wieder schließen, in Florida gibt es Strandverbote.

Trump spielte die Gefahr der Pandemie zu lange herunter

Auch US-Präsident Donald Trump dürfte mit Blick auf die rasante Corona-Ausbreitung in den USA eine gewisse Mitschuld tragen. Ähnlich wie Bolsonaro hatte er sich lange geweigert, einen Mund-Nasen-Schutz zu verwenden und behauptet, bei den meisten Menschen äußere sich Covid-19 nur als "leichter Schnupfen". Um die durch den Corona-Schock angeschlagene Wirtschaft wieder in Gang zu bringen, forcierte der US-Präsident die Lockerung der Virus-Beschränkungen, was zur aktuellen, desaströsen Situation beigetragen haben dürfte. dpa/Patrick Semansky/AP/dpa Donald Trump mit einem Stoff-Mundschutz, auf dem das Präsidenten-Siegel abgebildet ist.

Doch auch gesellschaftliche Rahmenbedingungen spielen der Corona-Ausbreitung in den Vereinigten Staaten in die Karten. Das US-Gesundheitssystem gilt als marode, viele Bürger sind nicht versichert. Mehr als 45 Millionen Amerikaner haben durch die Corona-Krise mindestens zeitweise ihren Job verloren – und damit häufig auch ihre Krankenversicherung. Eine Studie des "Instituts für Wirtschaftspolitik" (EPI) im April ergab, dass fast die Hälfte aller Amerikaner über den Arbeitgeber versichert ist.

Die Folge: In den USA leidet unter der Corona-Epidemie vor allem die ärmere, schwarze Bevölkerung. Häufig jene in Großstädten.

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