„Der Albtraum aller Vor-Ort-Apotheken“

„Der Albtraum aller Vor-Ort-Apotheken“

Eine Zur Rose-Tochter soll im Konsortium unter der Führung von IBM den deutschen E-Rezept-Fachdienst entwickeln und betreiben. Und die Gematik, die am Montag über den Zuschlag informierte, flankiert ihre Entscheidung nicht gerade mit einer ausgeklügelten Kommunikationsstrategie. Wie kommt das im politischen Berlin an? DAZ.online hat erste Stimmen eingefangen.

Die Gematik beauftragt den deutschen Zweig des US-Konzerns IBM damit, den zentralen E-Rezept-Fachdienst zu entwickeln. Mit an Bord ist die Zur Rose-Tochter eHealth-Tec, die Teil des Konsortiums um IBM ist. Die Apotheker:innen sind alles andere als erfreut darüber, dass die Schweizer den Fachdienst mitgestalten dürfen. Wie nehmen die Gesundheitspolitiker im Deutschen Bundestag die Nachricht auf?

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„Diese Kooperation klingt auf den ersten Blick wie der Albtraum aller Vor-Ort-Apotheken“, teilt der FDP-Abgeordnete Andrew Ullmann auf Anfrage von DAZ.online mit. „Wir dürfen aber nicht vergessen, dass diese Unternehmen bisher wichtige Erfahrungen im Aufbau einer entsprechenden Infrastruktur gemacht haben. Ich kenne die Details der Vergabe nicht, aber eins ist klar: Die Gematik muss dafür Sorge tragen, dass der gesetzliche Auftrag eingehalten wird. Das heißt konkret, keine Vor-Ort-Apotheke darf beim E-Rezept gegenüber Online-Apotheken benachteiligt werden.“

Gabelmann: Apotheken werden benachteiligt

Die Apothekerin Sylvia Gabelmann (Linke) findet deutlich drastischere Worte als ihr Kollege. „Die Linke hat immer gefordert: Durch das E-Rezept dürfen Versandapotheken nicht bevorteilt werden. Doch genau das geschieht jetzt“, so Gabelmann auf Nachfrage. „Denn wenn eHealth-Tec, eine Firma, die zum DocMorris-Mutterkonzern gehört, zusammen mit IBM die technische Infrastruktur des E-Rezepts entwickelt, dann werden diese schon dafür sorgen, dass die Komponenten des E-Rezepts auf die Bedürfnisse von DocMorris zugeschnitten sind. Und der Arzneimittelversender wird sicherlich immer früher als alle anderen erfahren, wie die Infrastruktur aussehen soll“, moniert sie.

Für die Präsenzapotheken fürchtet die Arzneimittelexpertin erhebliche Wettbewerbsnachteile. „Ich finde es unerträglich, dass DocMorris nun – zwar indirekt, aber maßgeblich – an der Gestaltung des E-Rezepts beteiligt werden soll. Das stärkt den Versandhandel und schwächt die Apotheken vor Ort.“ Und auch der Zeitpunkt der Bekanntgabe macht Gabelmann stutzig. „Die Gesellschaft für Telematik (Gematik) fällte diese Entscheidung im Schatten der wichtigen Entscheidungen rund um das dritte Bevölkerungsschutzgesetz. Es sieht für mich so aus, als würde dieser Coup zugunsten der Arzneimittelversandhändler bewusst zu einem Zeitpunkt erfolgen, wo die Öffentlichkeit und auch die politischen Entscheider:innen mit anderen Geschehnissen beschäftigt sind. Da bleibt nicht nur ein schaler Beigeschmack.“

Wer hat bei der Gematik das Sagen?

Auf wessen Kappe das Ganze geht, ist aus Gabelmanns Sicht klar. „Wer hat übrigens dank Jens Spahn, der bekanntermaßen durchaus ein Freund des Versandhandels ist, bei der Gematik das Sagen? Vor zwei Jahren entmachtete der Bundesgesundheitsminister die bis dahin bestehende Selbstverwaltung durch Kassenvertreter:innen sowie Leistungserbringer:innen und er übertrug 51 Prozent der Geschäftsanteile an das Bundesgesundheitsministerium. Das BMG hatte somit großen Einfluss auf die Entscheidung zugunsten des Zur Rose-Konzerns.“

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