Der zweite Lockdown wird zur starken psychischen Belastung – nicht nur für psychisch Erkrankte

Der zweite Lockdown wird zur starken psychischen Belastung – nicht nur für psychisch Erkrankte

Die Corona-Maßnahmen sorgen für massive Einschnitte in die Alltagsstruktur, die besonders für psychisch Kranke wichtig ist. Gleichzeitig leidet die Versorgung psychisch Erkrankter unter der Pandemie und auch die Allgemeinbevölkerung ist so belastet wie nie zuvor in der Pandemie. Die am 23. März veröffentlichte Sondererhebung "Deutschland-Barometer-Depression" von der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und der Deutsche Bahn Stiftung zeigt erschreckende Zustände auf. Befragt wurden 5135 Personen zwischen 18 und 69 Jahren aus einem repräsentativen Online-Panel im Februar 2021. 

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Psychisch Erkrankte werden schlechter versorgt

22 Prozent der Befragten in einer depressiven Phase berichteten laut der Stiftung Deutsche Depressionshilfe von ausgefallenen Facharzt-Terminen im vergangenen halben Jahr. Bei 18 Prozent fiel ein Termin beim Psychotherapeuten aus. Für psychisch Kranke sind diese Termine von größter Bedeutung. Ärzte und Therapeuten sind Gesprächspartner und Anker, die helfen, mit der Erkrankung klarzukommen.

Knapp über 20 Prozent der Betroffenen gaben in der Umfrage an, den Behandlungstermin von sich aus abgesagt zu haben – meist aus Angst vor einer Ansteckung mit Corona. Das sind acht Prozentpunkte mehr als im ersten Lockdown. Gleichzeitig hatten 22 Prozent der Menschen in einer akuten depressiven Krankheitsphase angegeben, gar nicht erst einen der heiß begehrten Behandlungstermine bekommen zu haben. Im ersten Lockdown lag dieser Wert bei deutlich geringeren 17 Prozent.

Der Alltag fehlt

Wo der Alltag und die Struktur fehlt, ist es für psychisch belastete Menschen besonders schwierig. Fast 90 Prozent der Befragten berichten über fehlende soziale Kontakte. Das entspricht 15 Prozentpunkten mehr als im ersten Lockdown im vergangenen Jahr. 87 Prozent der Betroffenen berichten zusätzlich über Bewegungsmangel und 64 Prozent über verlängerte Bettzeiten. Das entspricht je knapp unter zehn Prozentpunkten mehr als im bereits überstandenen Lockdown.

Professor Ulrich Hegerl, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Inhaber der Senckenberg-Professur an der Goethe-Universität Frankfurt/Main, erläutert die Bedeutung eines strukturierten Alltags für mental Belastete. Laut dem Experten fungieren "Bewegung, ein geregelter Tagesablauf und ein fester Schlaf-Wach-Rhythmus" als "wichtige unterstützende Bausteine in der Behandlung". Hegerl weiß: "Wenn diese wegbrechen, kann das den Krankheitsverlauf der Depression negativ beeinflussen." 

Rückfälle bis hin zum Suizid

Fast die Hälfte aller Befragten mit diagnostizierter Depression geben laut der Stiftung an, ihre Erkrankung hätte sich pandemiebedingt im vergangenen halben Jahr verschlechtert. Einen Rückfall oder eine Verschlechterung der depressiven Symptomatik melden jeweils 16 Prozent der Beteiligten.

Acht Prozent der Befragten litten unter suizidalen Gedanken oder Impulsen. Von den 1994 Teilnehmern der Umfrage mit diagnostizierter oder selbst diagnostizierter Depression teilten 13 Personen mit, in den letzten sechs Monaten einen Suizidversuch unternommen zu haben. Auf die Gesamtbevölkerung hochgerechnet, würde das für diese Gruppe Betroffener etwa 140.000 Suizidversuche innerhalb eines Jahres bedeuten.

Auch die Belastungen auf die gesunde Bevölkerung steigen

Fast drei Viertel der Bevölkerung empfinden die Situation im zweiten Lockdown als bedrückend. Im Vergleich dazu: Im ersten Lockdown fühlten nur knapp 60 Prozent der Menschen so. Im Sommer vergangenen Jahres sogar nur 36 Prozent. Während etwa die Hälfte der Deutschen ihre Mitmenschen zurzeit als rücksichtsloser erlebt, waren das im ersten Lockdown nur 40 Prozent.

Jeder Dritte sorgt sich um die eigene berufliche Zukunft. Im Februar 2021 fühlt sich ein Viertel der Befragten familiär starken Belastungen ausgesetzt. Im Vergleich zum Sommer 2020 sind das fast zehn Prozentpunkte mehr. 

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Bei den Maßnahmen werden kranke Menschen vergessen

Hegerl fordert, es sei dringend notwendig, bei der Entscheidung über die Maßnahmen gegen das Virus den Blick nicht nur auf das Infektionsgeschehen zu verengen. Schließlich führten die Infektionsschutzmaßnahmen zu gravierenden gesundheitlichen Nachteilen für die 5,3 Millionen Menschen mit Depression in Deutschland.

Besonders die Zahl der Suizidversuche bereite dem Experten Sorgen. Er verlangt in der Pressemitteilung der Stiftung Deutsche Depressionshilfe: "Es müssen auch Leid und Tod systematisch erfasst werden, die durch die Maßnahmen verursacht werden."

Tipps und Empfehlungen für eine bessere psychische Gesundheit

In der Pressemitteilung beschreibt die Stiftung Deutsche Depressionshilfe, dass ein Wochenplan hilfreich sei, um besser mit der belastenden Situation umzugehen. Darin sollten stundenweise die Aktivitäten für jeden Tag eingetragen werden: Pflichten und Angenehmes. Vorstandsvorsitzender Hegerl rät zu einem neuen Hobby, Sport oder einem dicken Buch sowie einem geordneten Schlaf-Wach-Rhythmus – ohne das Hinlegen tagsüber.

Hilfe und Informationen für Menschen mit Depression:

Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe bietet auf ihrer Website Wissen, Selbsttest und Adressen rund um das Thema Depressionen an.

Rat und Hilfe

Sie haben suizidale Gedanken? Hilfe bietet die Telefonseelsorge. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr unter (0800) 1110111 und (0800) 1110222 erreichbar. Auch eine Beratung über E-Mail ist möglich. Eine Liste mit bundesweiten Hilfsstellen findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention.

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