Droht uns dasselbe Schicksal wie Italien? Charité-Virologe ruft zum Handeln auf

Droht uns dasselbe Schicksal wie Italien? Charité-Virologe ruft zum Handeln auf

SarS-CoV-2 breitet sich weiter aus. In Deutschland verläuft die Pandemie im Vergleich bisher relativ mild, was nicht zuletzt auf eine gute erste Reaktion der Gesundheitsbehörden zurückzuführen ist, sagen Experten. Warum das aber kein Grund ist, nicht weiter zu handeln, erklärt Virologe Christian Drosten im neuesten Teil seines Coronavirus-Updates.

Deutschland steht kurz davor, 2000 Infizierte mit Sars-CoV-2 zu haben. Erste Bundesländer haben nun beschlossenen, größere Veranstaltungen abzusagen, Fußballspiele finden in Geisterstadien statt. Im Gespräch beim NDR-Corona-Podcast fand Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie der Berliner Charité am Mittwoch klare Worte: Wir müssen handeln.

Veranstaltungen absagen? Gesundheitsämter müssen Einbußen fürchten

Dabei nimmt er alle in die Pflicht. Größten Handlungsbedarf sieht er aktuell bei Politik und Ämtern: Denn die seien im Moment noch durch budgetäre Zwänge blockiert. So falle es lokalen Gesundheitsämtern laut Drosten oftmals schwer, wegen der Virus-Pandemie Veranstaltungen abzusagen. Denn dadurch müssten sie den Veranstaltern sogenannten Regressgelder zahlen – haben aber nur ein kleines Budget zur Verfügung, das nicht für alle Veranstaltungen ausreichen würde.

Deshalb fordert Drosten die Bundesregierung auf, Gelder freizugeben für diese Ämter. Sein Wunsch sei ein staatlicher Fond für Gesundheitsämter, damit sie Veranstaltungen absagen können, ohne finanzielle Nachteile erwarten zu müssen: „Wir müssen den finanziellen Schaden, der dadurch entsteht, irgendwie auffangen. Der Schaden durch eine schnell sich ausbreitende Epidemiewelle in den nächsten Monaten würde größer sein.“

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Drosten ist überzeugt, dass es noch nicht zu spät ist, zu handeln. Ziel sei es nicht etwa, das gesellschaftliche Leben lahmzulegen, sondern vielmehr gezielt zu handeln, das aber schnell: „Die Todesfälle nächsten Monat sind die Infizierten von heute“, sagt Drosten.

Deutschland solle aus der Situation in Italien lernen: „Die italienischen Kollegen hatten vor einem Monat nicht die Chance, vorausschauend zu agieren“, führt er aus.

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  • „Naturkatastrophe, die in Zeitlupe abläuft“

    „Wir haben hier eine Naturkatastrophe, die in Zeitlupe abläuft“, erklärt der Virologe. Und diese Verlangsamung, die wir in Deutschland erreicht haben, müsse man nutzen. Man müsse die Daten aus der Wissenschaft mit Nüchternheit und Wertschätzung betrachten und sagen: „So wird das kommen.“ Denn die Wissenschaft irre sich hier nicht: „Es ist nicht so, dass wir hier hoffen können, dass es bei uns anders laufen wird als anderswo. Es ist nicht so, dass das Virus in Deutschland ein anderes ist als in den Nachbarländern“, sagt Drosten.

    „Deswegen müssen wir unsere Zeit, die wir glücklicherweise haben, so nutzen, dass wir nicht in Kurzschlusshandlungen verfallen, sondern in gezielte und gute Maßnahmen investieren.“

    Dass die Pandemie an uns vorüberzieht, diese Möglichkeit scheint für den Experten ausgeschlossen. Er geht davon aus, dass wir schon bald eine ähnliche Situation wie derzeit in Italien haben werden: „Es wird zu einem Normalzustand werden, zu sagen, ‚Ich bin positiv getestet, bin in Heimisolierung‘.“ Doch diese Fälle können sich verschlechtern, auf Kranken- und Intensivstationen enden und die dortigen Kapazitäten sprengen – wie es aktuell in Italien bereits der Fall ist. „Wir müssen das verhindern“, fordert Drosten.

    Verfolgt man die Zahlen, so wird ein starkes exponentielles Wachstum in Italien deutlich: Von 229 bestätigten Fällen am 24. Februar schnellt der Graph innerhalb weniger Tage bereits auf das Zehnfache und zeigt am 3. März mehr als 2500 Fälle an. Gut eine weitere Woche später, am 11. März, sind in Italien 12.462 Menschen nachweislich mit dem Virus infiziert – etwa 55 Mal so viele wie zwei Wochen zuvor.

    In Deutschland übersteigt die Zahl der Infizierten mit 203 Personen am 3. März erstmals die 200. Acht Tage später, am 11. März, sind es 1966 – was ebenfalls etwa zehn Mal so vielen wie zu Beginn entspricht, eine ähnliche Entwicklung wie in Italien. Entwickelt sich die Situation in Deutschland weiter ähnlich, könnten die Zahlen bis zum 19. März also auf mehr als 11.000 Infizierte steigen.

     

    Er geht auch auf ein Medikament ein, das – zu einem bestimmten Zeitpunkt der Krankheit gegeben – gute Erfolge verspricht: Remdesivir. Das würden derzeit aber nur Patienten bekommen, „die die größte Wahrscheinlichkeit haben, davon auch zu profitieren“, erklärt Drosten. Denn das Medikament wurde nicht für Sars-CoV-2 entwickelt und befindet sich noch in einer Art Testphase. Außerdem gebe es noch nicht viele Dosen davon und die Nachproduktion dauere. Deshalb müsse man gut mit dem Präparat haushalten.  

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    Schließung von Kitas und Schulen nennt Drosten nicht zielführend

    Das Schließen von Kitas und Schulen hält Drosten als isolierte Maßnahme für nicht zielführend: Dann könne es passieren, dass Kitakinder trotzdem in Gruppen bei einzelnen Eltern landen, Eltern sich anstecken oder wegen der Betreuung der Kinder nicht mehr arbeiten können. Eltern, die Ärzte, Krankenschwestern, dringend benötigtes medizinische Personal sein können.

    Er sagt: „Wenn wir wirklich die Schulen und Kitas schließen wollen, dann müssen wir einen Lockdown machen des öffentlichen Lebens.“ Am Donnerstag distanzierte er sich von dieser Argumentation. Ein wissenschaftliches Paper hätte ihn zum Weiterdenken animiert. Schluschließung hält Drosten demnach zumindest für weiterführende Schulen für überlegenswert.

    Dass Deutschland so abgeriegelt wird, wie es in China derzeit der Fall ist, das ist laut Drosten nicht realistisch: „Das war eine staatliche Intervention, die man bei uns gar nicht machen kann“, erklärt er, „Wir können das nicht machen.“

    Der Virologe geht zudem davon aus, dass wir von China künftig keine verlässlichen Fallzahlen mehr erhalten werden: „Das Problem will jetzt erledigt sein in China“, sagt er und fügt hinzu: „Mit dem Wiederaufleben des öffentlichen Lebens werden dort auch die Infektionsketten wieder aufleben.“ Deshalb bringe es derzeit nichts, sich Gedanken über China zu machen: „Wir sollten uns über Deutschland Gedanken machen.“

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