Intensivmediziner warnen vor Panik: Krankenhäuser gut auf Corona-Winter vorbereitet

Intensivmediziner warnen vor Panik: Krankenhäuser gut auf Corona-Winter vorbereitet

Führende Experten warnen angesichts des aktuellen Infektionsgeschehens und der Lage in deutschen Krankenhäusern vor übergroßer Sorge – insgesamt sei man gut vorbereitet. Doch auf einige drängende Fragen gibt es bisher noch keine Antworten von der Politik.

Voller Sorge blickt Deutschland auf die rasant steigenden Infektionszahlen. Die Bilder von überfüllten Krankenhäusern wie zum Höhepunkt der Pandemie im März und April in Norditalien sind immer noch präsent, die Angst vor dem kommenden Winter ist groß.

Nähern wir uns mit dem drastischen Anstieg der Zahlen einem „Tipping Point“, ab dem die intensivmedizinische Versorgung von Covid-19-Betroffenen und damit auch von Patienten mit anderen Erkrankungen einem erneuten Stresstest unterzogen werden könnte? Wie gut sind die deutschen Krankenhäuser auf eine zweite Welle vorbereitet – und wann würde das Gesundheitssystem ins Straucheln geraten?

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Noch schätzt Uwe Janssens, Präsident der DIVI und Chefarzt der Intensivmedizin am St.-Antonius-Hospital in Eschweiler, die Lage „im Großen und Ganzen“ zuversichtlich ein. Denn: Im Moment habe die Anzahl der Neuinfektionen zwar deutlich zugenommen, parallel dazu liege der Anteil der intensivpflichtigen Covid-19-Patienten aber deutlich niedriger als auf dem Höhepunkt der Pandemie. Nach Angaben der DIVI stehen bundesweit 30.000 Intensivbetten für alle Kranken zur Verfügung. Auf dem Höhepunkt Anfang April seien zehn Prozent davon belegt gewesen.

Zwei Prozent aller Infizierten aktuell auf Intensivstationen

Zum Vergleich führt Janssens denn die Zahlen vom 3. April 2020 an, wo mit 6156 Neuinfektionen an einem Tag seinerzeit die Höchstmarke geknackt worden sei – an diesem Tag haben sich 2424 Patienten mit Covid-19 auf der Intensivstation befunden, von denen 84 Prozent beatmet werden mussten. „Am Freitag vergangener Woche registrierte das Robert Koch-Institut dagegen 7334 Sars-CoV-2-Neuinfektionen, gleichzeitig befanden sich nur 690 Covid-19-Patienten in intensivmedizinischer Behandlung“, berichtet der Experte. Auch der Anteil der beamteten Patienten sei mit 49 Prozent deutlich niedriger als im April.

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Schätzungen zufolge müssten aktuell etwa sechs Prozent der positiv getesteten Sars-CoV-2-Patienten im Krankenhaus behandelt werden, davon wiederum ein Drittel intensivmedizinisch, erklärt Janssens. Das mache zwei Prozent aller Infizierten aus.

„Sicherlich spielt das Alter der infizierten Personen hier eine dominierende Rolle. In der Kalenderwoche 15 im April lag das mittlere Alter bei 52 Jahren, in der Kalenderwoche 32 Anfang August bei 32 Jahren.“ Mithin sei „absolut nachvollziehbar“, dass bei einem großen Anteil jüngerer Patienten ohne besondere Begleiterkrankungen, bei denen die Krankheit in aller Regel unkomplizierter verlaufe, nur wenig intensivpflichtige Patienten zu erwarten seien.

„Genau das drückt sich in den aktuellen Zahlen aus. Unsere gegenwärtige Sorge aber ist, dass es nun wieder zu einem zunehmenden Überspringen der Infektionen auf die älteren Patientengruppen kommt. Und das ist nachweislich ab September der Fall“, erklärt Janssens.

Es fehlt noch immer an Personal in der Intensivmedizin

An dieser Stelle wolle Janssens auf ein Kernproblem hinweisen, das schon vor der Corona-Pandemie bestanden habe: der Mangel an Fachpflegepersonal in der Intensivmedizin. „Mit großer Sorge beobachten wir, dass sich in der Personalstärke und dort gerade in der Intensivmedizin wenig getan hat.“

Sollte es also zu einem deutlichen Anstieg intensivpflichtiger Patienten im Herbst und Winter kommen und müssten in der Konsequenz genau die gleichen Maßnahmen ergriffen werden wie im Frühjahr, stelle sich vor allem eine Frage: „Intensivbettenkapazitäten wurden ausgebaut, wir haben sogar Reservekapazitäten von nahezu 12.000 Betten, doch wer soll denn die möglichen Patienten in diesen Betten fachpflegerisch, aber auch fachmedizinisch betreuen, wenn es zum Äußersten kommen sollte?“, fragt Janssens.

Auf diese dringenden Fragen habe man bisher keine Antworten von der Politik erhalten, obgleich genau diese Diskussion jetzt wieder „mit größter Entschlossenheit und Transparenz“ aufgegriffen werden müsste. Daher blicke man zwar mit Anspannung in die Zukunft, wolle aber dennoch keine Panik schüren: „Wir werden das mit Sicherheit schaffen“, gibt sich Janssens optimistisch.

Anstieg älterer Covid-19-Patienten auf Intensivstationen

Ähnlich schätzt Clemens Wendtner, Infektiologe und Chefarzt der München Klinik Schwabing, die Situation ein: „Wir sollten wachsam sein, aber nicht panisch.“ Aktuell behandele er durch diverse Ausbrüche in Altersheimen mit 25 Covid-19-Patienten mehr als doppelt so viele Menschen wie vor vier Wochen; diese seien zudem deutlich über 70 Jahre alt, benötigten also eher intensivmedizinische Maßnahmen. Für die Zukunft prognostiziert Wendtner ebenso einen Anstieg älterer Patienten auf Intensivstationen, womit eine erhöhte Sterblichkeitsrate einherginge.  

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„Noch sehen wir keine Überforderung, aber man muss sich auch klarmachen, dass wir in der Entwicklung fünf Wochen hinter dem sind, was wir in unseren Nachbarländern zum Teil beobachten können. Und dann kommt es eben nicht nur auf die Bettenkapazität an – die ist vorhanden, da bin ich sehr zuversichtlich. Aber es muss eben auch die Menschen hinter den Maschinen geben, das heißt den Pfleger, die Schwester, den Arzt, also diejenigen, die die Maschinen bedienen.“

All dies müsse einkalkuliert werden – genauso wie die Behandlung der Patienten, die nicht an Covid-19 leiden, damit niemand „hinten runterfällt“. „Wir müssen die Zahlen in den kommenden Tagen und Wochen also sehr genau beobachten und uns entsprechend vorbereiten“, erklärt Wendtner.

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  • Der Experte appelliert daher an die Bevölkerung, die inzwischen eine gewisse Müdigkeit zeige, Schutz- und Hygienemaßnahmen gegen Covid-19 umzusetzen, die aktuelle Entwicklung nicht auf die leichte Schulter zu nehmen – gerade mit Blick auf eine Doppelwelle Influenza und Covid-19 im Winter, die es unbedingt zu verhindern gelte. Er sprach sich daher für die Grippeschutzimpfung „im breiteren Kontext“ aus, um das Risiko einer Verstärkung des Infektionsgeschehens zu verringern.

    Krankenhäuser bereiten sich auf Ernstfall vor

    Was aber, wenn das Worst-Case-Szenario trotz aller Zuversicht der Experten doch eintritt? Dann gelte es zum einen, auf Pflegepersonal aus anderen Bereichen innerhalb des Klinikums zurückzugreifen. Auf diesen Fall bereitet sich das München Klinikum Schwabing schon jetzt vor, wie Wendtner berichtet: „Wir schulen wieder Personal für die Intensiv- und für die Infektstation, damit wir das Personal im Ernstfall shiften können.“ Ebenso werden alle Mitarbeiter im Zwei-Wochen-Takt auf Covid-19 getestet, um einem schmerzhaften Ausfall vorzubeugen. „Bei Verdachtsmomenten geschieht das auch frequentierter.“ 

    Zum anderen könnten Operationen und Therapien anderer Patienten im Notfall wieder verschoben werden: „Wir könnten diese theoretisch von jetzt auf gleich absagen. Innerhalb von 24, 48, 72 Stunden können wir unser Programm so umstellen, dass Kapazitäten freigesetzt werden. Das müssen wir aber im Moment noch nicht“, sagt Janssens. Nach seiner Einschätzung ist auch eine gute Steuerung der Patienten entscheidend, um „regionale Ballungen“ und Überlastungen zu vermeiden. Wie auch an der Berliner Charité gebe es in Hessen bereits klare Pläne zur Verteilung der Patienten. „Das ist meiner Ansicht nach eine Blaupause für viele andere Bundesländer.“

    Clemens Wendtner kommt zu dem Schluss: „Wenn die Zahlen wirklich weiter steigen sollten, wir also mehr stationäre Patienten und mehr Intensivpatienten haben, sind wir nach jetzigem Wissen und nach jetzigen Kalkulationen in Deutschland gut vorbereitet. Es wäre natürlich schöner, diesen Stresstest für uns alle nicht zu provozieren. Da hat auch jeder eine Eigenverantwortung – das Ziel muss sein, das Infektionsgeschehen nicht in die Kliniken zu verlagern.

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