Kritiker drängen auf eine Änderung der Strategie

Kritiker drängen auf eine Änderung der Strategie

Neun Autoren monieren das Fehlen von Kohortenstudien, die Qualität der Daten und die Vernachlässigung wesentlicher Aspekte wie der Dunkelziffer an Infizierten. Wenn jetzt nichts geändert werde, könne sich auch das Impfen schwierig gestalten, heißt es in einem aktuellen Thesenpapier.

Es ist das nunmehr sechste Thesenpapier zur Corona-Situation, das eine Autorengruppe seit März vorlegt, „wegen der zunehmenden Komplexität des Themas“ soll es dieses Mal sogar in drei Teilen veröffentlicht werden. Allein der erste Teil umfasst knapp 50 Seiten. „Anlass für ein neuerliches Papier gibt es mehr als genug“, schreiben die neun Verfasser, darunter Prof. Gerd Glaeske, Apotheker und ehemaliges Mitglied im Sachverständigenrat Gesundheit. Denn die Zahlen der Infizierten stiegen zwar langsamer, aber es sei unklar, ob die Situation anhaltend besser wird. „Und der Winter steht immer noch bevor.“ Die Autoren sehen es deshalb als „wissenschaftliche und fachliche Pflicht, nochmals auf die Notwendigkeit einer Änderung der Strategie hinzuweisen.“ Demnach müssten die Vorgehensweisen der vergangenen Monate unvoreingenommen auf den Prüfstand gestellt werden. 

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Eines der Probleme, das die Autoren sehen, ist die Dunkelziffer an Infizierten in der nicht-getesteten Population. Sie sei deutlich größer als die bekannte Melderate. „Legt man die Prävalenz von 1 Prozent aus der Gesamterfassung der Bevölkerung der Slowakei zugrunde, erhält man für Deutschland gegenüber 130.000 bekannten Meldungen in einer Woche weitere 815.000 Infektionen in der nicht-getesteten Bevölkerung.“ Den Richt- und Grenzwerten, die auf den Meldungen der Infektionen nach Testungen beruhen, könne deshalb keine tragende Bedeutung zukommen. „Die derzeit verwendeten Grenzwerte ergeben ein falsches Bild und können nicht zu Zwecken der Steuerung und für politische Entscheidungen dienen.“ Somit seien auch Zielvorgaben, wie „wir müssen wieder unter 50 Infektionen auf 100.000 Einwohner kommen“, unrealistisch.

Problematisch sehen die Autoren zudem die Zahlen zur Intensivkapazität. Zwar sei die Zahl der Intensivpatienten mit COVID-19 deutlich gestiegen, wodurch die freien Kapazitäten auf den Intensivstationen sinken. „Allerdings ist parallel ein absoluter Abfall der Gesamtintensivkapazität in Deutschland zu beobachten.“ Dieser habe einen großen Anteil an der Abnahme der freien Intensivbetten, der Effekt sei mit den zur Verfügung stehenden Daten nicht erklärbar, „eine Analyse auf politischer Ebene erscheint notwendig.“ Wichtig sei aber auch, positive Entwicklungen in der Pandemie zu betrachten, etwa die sinkenden Hospitalisierungs- und Beatmungsraten, und die abnehmende Mortalität. 

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