Pfleger über zu wenig Zeit für Patienten: "Mist, der hätte dich jetzt echt gebraucht"

Pfleger über zu wenig Zeit für Patienten: "Mist, der hätte dich jetzt echt gebraucht"

Schon als Azubi musste ich am eigenen Leib erfahren, was der Fachkräftemangel für uns Pflegekräfte bedeutet. Im zweiten Lehrjahr kümmerte ich mich mit einer Kollegin eine Woche lang um 40 Patienten. Üblicherweise machen das drei Vollpflegekräfte. Einen Tag kann man diese Belastung ganz gut wegstecken. Aber eine ganze Woche? Das war reine Fließbandarbeit am Patienten. Pro Zimmer hatte ich nur wenige Minuten, reichte schnell das Essen an und schon ging es weiter.

Geringe Auslastung


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Der Druck war unheimlich hoch. Es blieb nicht einmal mehr Zeit fürs Haarewaschen. Nach jeder Schicht war ich regelrecht zwiegespalten: Ich wusste, dass ich einen guten Job machte und auch unter massivem Druck funktionierte. Gleichzeitig hatte ich ein unheimlich schlechtes Gewissen. Weil ich merkte, dass ich mich nicht so um die Menschen gekümmert hatte, wie sie es vielleicht an diesem Tag von mir gebraucht hätten.

Von der Station in den OP

Auf dem Papier sind die Patienten zwar vermeintlich gut versorgt. Was aber fehlt, ist die Zeit für ein kurzes Gespräch. Für tröstende oder aufmunternde Worte. Es fällt schwer, nach der Behandlung eines Patienten die Tür hinter sich zu schließen und zu wissen: "Mist, der hätte dich jetzt echt gebraucht." Natürlich geht der Zeitdruck auch an den Patienten nicht spurlos vorbei. Sie bemerken, dass wir Pflegekräfte ständig unter Strom stehen. Einige wollen nicht noch zusätzlich zur Last fallen und klingeln dann überhaupt nicht mehr nach uns. Stattdessen sitzen sie eine Dreiviertelstunde vor einer geschlossenen Wasserflasche. Und haben Durst.

stern-Aktion – für eine Pflege in Würde!

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Ich liebe meinen Job und mache ihn mit Hingabe und aus Überzeugung. Doch all das konnte ich auf Dauer nicht mit meinem Gewissen vereinbaren. Deswegen bin ich vor einer Weile in den OP gewechselt und erfülle hier die Aufgabe eines operationstechnischen Assistenten. Ich reiche zum Beispiel steriles Besteck an oder schleuse Patienten in den OP. Die Arbeit macht mir Spaß, auch das Team ist großartig. Ich habe selten einen solchen Zusammenhalt erlebt.

Einen Wermutstropfen gibt es aber: Für mich gibt derzeit kaum attraktive Weiterentwicklungsmöglichkeiten. Ich kann mich zwar weiterbilden und hätte dann mehr Verantwortung, würde davon aber kaum finanziell profitieren. Denkbar ist auch ein duales Studium, nach dem ich in den Bereich Pädagogik oder Management wechseln könnte. Beides würde mich aber von den Patienten wegziehen. Das möchte ich nicht. Es ist vor allem die Arbeit mit den Patienten, in der viele Pflegekräfte – mich eingenommen – Erfüllung finden.

Über die Aktion:

Es geht um Ihre Kinder, Eltern und Großeltern, um unser aller Zukunft. Wir brauchen gute Pflege. Früher oder später. Deutschland altert schnell, und immer mehr Menschen sind im Alltag auf professionelle Pflege angewiesen. Doch in den Krankenhäusern, Heimen und bei den ambulanten Diensten herrscht ein enormer Pflegenotstand. Überall fehlen Pflegekräfte, weil die Arbeitsbedingungen schwer zumutbar sind und das Gehalt zu niedrig. Wir alle sind davon akut bedroht: Pflegekräftemangel führt zu schwereren Krankheitsverläufen, mehr Komplikationen und Todesfällen. Unsere Politiker:innen finden seit zwei Jahrzehnten keine wirksame Gegenmaßnahme. Es braucht einen ganz großen Wurf, um den Pflegekollaps noch aufzuhalten. Unser Umgang mit dem Thema Pflege entscheidet darüber, wie menschlich unsere Gesellschaft im 21. Jahrhundert bleibt.

Hier können Sie die Pflege-Petition online mitzeichnen.

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