Psychologische Sicherheit: Wie Unternehmen die mentale Gesundheit ihrer Mitarbeiter stärken können

Psychologische Sicherheit: Wie Unternehmen die mentale Gesundheit ihrer Mitarbeiter stärken können

Klimakrise, Krieg und Inflation – die Welt erlebt gerade einen Umschwung. Das wirkt sich auch auf die Wirtschaft aus. Was bewegt die Unternehmen aktuell am meisten?

Mareike Bruns: Wir arbeiten mit vielen Führungskräften zusammen, die aktuell nicht wissen, wie sie mit der teilweise schwierigen Situation in ihrem Unternehmen umgehen sollen, vor allem in der Kommunikation mit ihren Mitarbeitenden. Die müssen dann zum Beispiel jemanden entlassen oder das Team umstrukturieren – und sind unsicher, wie sie damit in dieser ohnehin schon unübersichtlichen Zeit umgehen sollen.

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Wie kann es sein, dass Führungskräfte mit solchen leider alltäglichen Dingen überfordert sind?

Nicht jeder, der eine Führungsrolle einnimmt, wird auch darauf vorbereitet, diese zu erfüllen. Viele Führungskräfte bekommen einfach nicht genug Skills dafür an die Hand und leiten ihr Team dann im Zweifel unsicher an – was natürlich auch zu einer Unsicherheit bei den Mitarbeitenden führen kann.

Warum setzen Sie eigentlich bei Führungskräften an und nicht zum Beispiel bei der Geschäftsführung oder bei den Mitarbeitenden?

Das ist definitiv die Gruppe mit den meisten Ängsten. Führungskräfte haben zwar nicht die Verantwortung der Geschäftsführung, aber sie fungieren als Vermittelnde vor allem bei schlechten Nachrichten und unbeliebten Entscheidungen.

Mitarbeiter müssen sich gesehen und gehört fühlen

Der Schlüssel zu einem gesunden Arbeitsumfeld ist eine wertschätzende Kommunikation. Wie funktioniert das?

Es geht vor allem darum, Raum für offene Kommunikation zu schaffen, und zwar für jeden Mitarbeitenden. Außerdem ist eine gesunde Fehlerkultur elementar. Es gab im Jahr 1999 mal ein Forschungsprojekt zu dem Thema. Damals ging man davon aus, dass das Team mit den wenigsten Fehlern am produktivsten arbeitet. Aber genau das Gegenteil war der Fall. Das Team mit den meisten Fehlern hat die besten Arbeitsergebnisse abgeliefert, weil es durch eine offene Fehlerkultur aneinander wachsen konnte.

Was genau können wir daraus lernen?

Das zeigt, dass psychologische Sicherheit im Unternehmen dann gegeben ist, wenn die Mitarbeitenden die Grundannahme vertreten, dass sie Probleme, Sorgen und Kritik offen aussprechen können, ohne Angst vor Anfeindungen oder gar einem Rausschmiss haben zu müssen.

Bleibt die Frage, wie genau man ein solches Arbeitsklima im eigenen Unternehmen etabliert?

Die Führungskräfte spielen dabei tatsächlich eine zentrale Rolle. Sie sind es, die als Vorbild vorangehen sollten. Dafür ist es zum Beispiel sinnvoll, transparent mit Krisen und Herausforderungen an die Mitarbeitenden heranzutreten, statt im stillen Kämmerlein das Team zu leiten. Es ist enorm hilfreich, wenn jeder weiß, wo das Unternehmen steht und wo es hingeht.

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Wie gehen Führungskräfte denn im Idealfall mit schlechten Nachrichten an ihre Mitarbeitenden um?

Eine E-Mail mit den Neuigkeiten rauszuschicken, wäre sicher nicht das Sensibelste. Besser ist, das direkte Gespräch mit den Mitarbeitenden zu suchen und auch offen für Fragen und Kritik zu sein. Es ist gerade in Krisenzeiten wichtig, dass Mitarbeitende sich auch gehört und gesehen fühlen.

Wechseln wir einmal die Perspektive: Wie sollten Mitarbeitender ihre Sorgen und Kritik im Unternehmen ansprechen?

Zuerst müssen sie sich erstmal darüber im Klaren sein, was genau sie eigentlich stört. Manchmal sind die Ärgernisse im Berufsalltag vielfältig, da lohnt sich ein genauer Blick auf die Ursachen. Wer die kennt, der sollte sich dann an eine vertraute Person im Unternehmen wenden. Das kann auch ein Kollege oder eine Kollegin sein, es muss nicht gleich der Gang zur Führungskraft sein. Wichtig ist nur, darüber zu sprechen.

Warum Psychologische Sicherheit in Unternehmen die Zukunft ist

Viele Unternehmen regen aktuell die Rückkehr aus dem Home Office ins Büro an, was wiederum bei vielen Mitarbeitenden für neue Herausforderungen sorgt. Was halten Sie davon?

Die Unternehmen sollten den Mitarbeitenden die Rückkehr ins Büro auf jeden Fall so leicht wie möglich machen und sie einladen, zurückzukommen. Eine Pflicht halte ich aber für schwierig, wenn es die Tätigkeit nicht unbedingt verlangt. Denn dabei schwingt auch immer ein bisschen Misstrauen in das eigene Team mit. Und das ist natürlich nicht gut für das psychologische Arbeitsklima.

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Für psychologische Sicherheit brauchen Unternehmen klare Strukturen. Gerade für die junge Generation wird Flexibilität aber immer wichtiger. Wie geht das zusammen?

Es ist wichtig, dass jeder und jede Mitarbeitende die Aufgabe macht, die ihm bzw. ihr liegt. Dann können die Arbeitnehmenden auch in einem festen Rahmen ihre Individualität und Flexibilität ausleben, solange sie ihre Arbeit erledigen. Es geht darum, Autonomie zu ermöglichen und Sicherheit zu gewähren. Dann fühlen sich die Mitarbeitenden auch gut aufgehoben und bringen gute Leistungen.

Psychologische Sicherheit klingt so, als müsste es für Unternehmen beinahe verpflichtend sein. Die Realität zeigt aber, dass viele Betriebe offenbar noch nichts davon gehört haben. Wie beurteilen Sie den Stand der Dinge?

Sie haben recht, eigentlich müsste es Standard sein. Aber viele Unternehmerinnen und Unternehmer haben das Thema einfach nicht auf dem Radar. Ich denke aber, dass sich das bald ändern wird. Besonders die jungen Arbeitnehmenden achten zunehmend auf ihre mentale Gesundheit und fordern von ihrem Arbeitgeber entsprechende Maßnahmen ein. Und Betriebe, die langfristig erfolgreich sein wollen, müssen deshalb lernen, auf ihre Mitarbeitenden und deren Bedürfnisse einzugehen.

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