Separatorenfleisch in Geflügelwurst? Branchen-Insider: "Nicht ungewöhnlich"

Separatorenfleisch in Geflügelwurst? Branchen-Insider: "Nicht ungewöhnlich"

Erneut steht die Fleischindustrie in der Kritik: "Panorama" und "Spiegel" werfen Wurstherstellern vor, billiges Separatorenfleisch in ihren Produkten zu verarbeiten, ohne dies zu kennzeichnen. Das wäre nach deutschem Recht strafbar. Doch der Einsatz der minderwertigen Zutat war bisher extrem schwer nachzuweisen.

Eine neue Laboruntersuchung liefere nun Indizien dafür, dass mehrere Fleischunternehmen den in der Kritik stehenden Brei aus Fleischresten, Knochen und Bindegewebe in Geflügelwurst mischen würden, heißt es in den Medienberichten. Laut einem langjährigen Branchen-Insider, mit dem der stern exklusiv sprechen konnte, wäre dies nicht verwunderlich.

Was ist Separatorenfleisch?

Separatorenfleisch wurde der breiten Öffentlichkeit wohl insbesondere während der BSE-Krise Anfang der 2000er Jahre bekannt. Hierbei handelt es sich um maschinell vom Knochen gelöste Fleischteile. Oftmals werden für die Herstellung Fleischreste verwendet. 

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Diese werden bei hohem Druck durch eine Lochscheibe gepresst. Bei diesem Vorgang bleiben Knochensplitter und Knorpelteile hängen. Weiche Bestandteile wie Muskulatur, Fett- und Bindegewebe werden abgepresst. Hierbei entsteht eine breiartige Masse. Grundsätzlich ist diese Masse für Verbraucher unbedenklich. Sie gilt nach deutschem Recht aber nicht als Fleisch. Produkte, die Separatorenfleisch enthalten, müssen deshalb deutlich gekennzeichnet werden. 

Separatorenfleisch ist eine Blackbox

Wie viel Separatorenfleisch in Deutschland tatsächlich verarbeitet wird, ist nicht bekannt. Die Verbraucherorganisation "Foodwatch" berichtete bereits 2014, dass etwa 70.000 Tonnen Separatorenfleisch jährlich nicht nachvollziehbar im Markt verschwinden. Wer sie verarbeitet oder in welche Produkte sie fließen, ist nicht bekannt. Die zuständigen Bundesministerien gäben sich ahnungslos über Einfuhren oder Produktionsmengen von Separatorenfleisch so "Foodwatch". Die Industrie hüllt sich in eisernes Schweigen. Und die Systemgastronomie, die bei der Verwendung von Separatorenfleisch nicht einmal der Kennzeichnungspflicht unterliegt, beteuert, sie verarbeite die minderwertige Zutat nicht. 

Laut "Foodwatch" schätzt die EU-Kommission die jährliche Produktion von Separatorenfleisch auf 700.000 Tonnen europaweit. Wie viel davon in Deutschland landet, ist ebenfalls nicht bekannt. Allerdings scheinen die Niederlande bei der Produktion eine wichtige Rolle zu spielen, das ergeben Recherchen des stern ebenso wie die von "Foodwatch". 

Drei große Produzenten von Separatorenfleisch haben ihren Sitz im deutschen Nachbarland. Zollkontrollen gibt es in der EU nicht. Daher ist es kaum ersichtlich, wie viel nach Deutschland importiert wird. Ein langjähriger Branchen-Insider, der anonym bleiben möchte, erklärte dem stern, die Verarbeitung von Separatorenfleisch sei in der Fleischindustrie nichts Ungewöhnliches. Ihm seien Fälle aus der Vergangenheit bekannt, in denen Fleischreste in die Niederlande exportiert worden seien, um dort zu Separatorenfleisch verarbeitet zu werden. Anschließend sei dies wieder eingeführt worden, ohne dass es als solches gekennzeichnet gewesen sei. Grund dafür sei eine Gesetzeslücke im niederländischen Recht. 

Fleischfabrikanten in Deutschland hätten in diesem Prozedere wiederum die Möglichkeit zu behaupten, sie bekämen hochwertiges Fleisch geliefert, das sie weiterverarbeiten. Obwohl sie wüssten, dass es sich um Separatorenfleisch handele, da sie selbst die Rohmasse dafür geliefert und die Verarbeitung zu Separatorenfleisch in Auftrag gegeben hätten.

Hersteller bestreiten die Vorwürfe

Unter 30 Proben von Geflügelwurst- und fleischwaren seien neun positiv auf Separatorenfleisch getestet worden, so "Panorama". Zu den Beschuldigten gehört auch die "Zur-Mühlen-Gruppe", die zur Tönnies-Unternehmensgruppe gehört. Tönnies bestreitet in einem Statement die Verwendung von Separatorenfleisch. "Diese Aussagen in den Berichten sind eindeutig falsch." Der Einsatz von Separatorenfleisch in den genannten Produkten ist durch die Definition der Rohwaren sowie den Produktionsablauf ausdrücklich ausgeschlossen", so Tönnies. Es gebe keinen Nachweis für den Einsatz von Separatorenfleisch in den Produkten. Zudem gebe die Forschungsmethode, mit der die Redakteure von Panorama und Spiegel die minderwertige Zutat nachgewiesen haben wollen, keine Erkenntnisse über deren Einsatz. "Wir verwahren uns gegen solche haltlosen Vorwürfe", so das Unternehmen. 

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Wie genau die Untersuchungsmethode ist, ist tatsächlich noch nicht abschließend geklärt. Die Forschenden berichten von einer Genauigkeit von 95 Prozent, die Fleischindustrie verweist auf Mängel bei der Trennschärfe in den Proben. Die extrahierten Enzyme, die den Nachweis für Separatorenfleisch erbringen sollen, stammen laut Spiegel aus der Bandscheibe von Hühnern. Die Fleischindustrie verweist darauf, dass diese Enzyme ohnehin in Fleisch vorkämen. 

Das Landesamt für Lebensmittelsicherheit in Mecklenburg-Vorpommern zeigte sich allerdings bereits interessiert an der neuen Methode.

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