Vier Tage Schule, 150 Menschen in Quarantäne – der Bürgermeister muss selbst die Kontakte verfolgen

Vier Tage Schule, 150 Menschen in Quarantäne - der Bürgermeister muss selbst die Kontakte verfolgen

Achberg ist eine kleine Gemeinde. Knapp 1700 Menschen leben dort, man kennt sich. Andernorts war Achberg bis vergangene Woche eher unbekannt. Dann aber kam der Ruhm mit Wucht. Es ist ein zweifelhafter. Denn nur vier Tage, nachdem dort die Grundschule ihre Pforten wieder geöffnet hatte, musste erneut abgeriegelt werden. Ein Kind hatte sich mit Corona infiziert. Die Grundschule, das sind vier Klassen, rund 70 Schüler und acht Lehrer. Ist dort einer mit Corona infiziert, sind alle betroffen. 150 Menschen sind seither in Quarantäne.

Bürgermeister Johannes Aschauer hörte am vergangenen Donnerstag von dem Coronafall. Am Nachmittag hatte er die Listen der Kontaktpersonen vorliegen. Und machte sich an die Arbeit. Das Rathaus in Achberg ist klein. Neben ihm arbeiten dort noch fünf andere Menschen, die meisten in Teilzeit. Weil die Kommunen das Kreisgesundheitsamt bei der Kontaktverfolgung unterstützen, muss er selbst ran. Am Freitag waren die Anschreiben für die Kontaktpersonen fertig. Rausschicken konnte er sie dann doch nicht – denn an diesem Tag war aus dem Coronafall ein Mutantenfall geworden. Und für die gelten seit vergangener Woche in Baden-Württemberg eigene Regeln. Nicht nur die Infizierten und die Kontaktpersonen ersten Grades müssen in Quarantäne, sondern alle Haushaltsangehörigen – und das 14 Tage lang. Aschauer war es, der die Botschaft überbringen musste.

Verstöße gegen Corona-Auflagen


Wilde Jagd auf Jugendliche: Die Polizei schießt über das Ziel hinaus – und hätte Besseres zu tun

Infektion vom Spielplatz in die Schule getragen

Und das nach Tagen der Sonne, nach Aufbruchsstimmung. Die Dorfkinder waren auf den Bolzplatz gestürmt, der Spielplatz war voll und die Mütter, die standen in Grüppchen beisammen. "In der Frühlingseuphorie nahmen es viele mit den Beschränkungen nicht mehr so ernst", sagt Aschauer rückblickend. "Rumgranteln" möchte er nicht. Die Menschen seien müde. Müde von der Pandemie, müde von den Corona-Beschränkungen.

Er berichtet, wie er selbst immer wieder zum Spiel- und Bolzplatz ging, den Kindern erklärte, dass sie dort nicht spielen dürften, dass es darum gehe, dass sie gesund bleiben. Erzählt, dass er es ihnen einmal, zweimal gesagt hatte, beim dritten Mal sei die Kindermeute lachend vor ihm geflüchtet – und am Ende doch wiedergekommen. Von dem Platz, so glaubt er heute, wurde die Corona-Infektion in die Schule getragen. Seit letztem Samstag herrscht dort Leere.

„Da kannst du nicht bis Montag warten“

An eben diesem Samstag hatte Aschauer schon am frühen Morgen zum Telefonhörer gegriffen, am Abend hatten er und seine Mitarbeiterin alle erreicht. "Nach so einem Tag bist du ausgebrannt", sagt er. Seit Beginn der Pandemie ist Aschauer fast jedes Wochenende in Rufbereitschaft. Am Anfang hatte er den Dienst allein übernommen, inzwischen wechselt er sich mit einer jungen Kollegin ab. Bis zu den Landtagswahlen soll eigentlich auch das Gesundheitsamt an den Wochenenden mithelfen. Geklappt hat das zumindest dieses Mal nicht.

Dem hatte man, so Aschauer, die Unterlagen zu den Kontaktpersonen am Freitagabend geschickt, damit dort, sagt er, im Fall einer weiteren Entwicklung hätte gearbeitet werden können. "Sie haben uns am Samstagmorgen kommentarlos die Nachricht zugeschickt, dass es sich um eine Mutation handelt", sagt Aschauer. Das war’s. "Wir wussten nicht, ob das Amt die erforderlichem Maßnahmen sofort ergreift. Bei so einer Mutation kannst du aber nicht bis Montag warten, bis du die Leute informierst."

Covid-19-Impfstoff


Bei AstraZeneca sind manche skeptisch. Vollkommen zu Unrecht – das zeigen diese Fakten

Coronafall trotz Maßnahmen

150 Menschen befinden sich jetzt in Quarantäne, es könnten noch mehr werden. Betroffen sind Lehrer, Schüler, deren Familien und der Kindergarten. Denn da das Geschwisterkind des infizierten Kindes dort betreut wird, mussten auch diese beiden Gruppen vorsorglich in Isolation geschickt werden. Kam die Schulöffnung in Achberg zu früh?

Ob die Schulen öffnen oder nicht ist Sache des Landes. Die Gemeinde selbst hat kein Mitspracherecht. "Das ist nicht in meiner Gewalt. Wir sind dafür zuständig, dass es ein Schulhaus gibt, Strom und Wasser da ist, Lehrmittel zur Verfügung stehen", sagt Aschauer. "Wir haben in der Schule Glasfaserkabel verlegt, das könnten die Kinder jetzt gut nutzen, bringt ihnen aber nichts." Die Kinder sitzen zuhause, gelernt wird wie in den Wochen zuvor wieder einmal im Fernunterricht – trotz aller Corona-Maßnahmen. Wechselunterricht war eingeführt worden, Masken wurden getragen, regelmäßig gelüftet. Da in der Notbetreuung Kinder aller Klassen betreut werden dürfen, war es dennoch zu Durchmischungen gekommen. Und die vom Land versprochenen kostenlosen Selbsttests? Die haben es noch nicht bis in die Gemeinde an der Grenze zu Bayern geschafft. 

Einmal in der Woche konferiert Aschauer via Video mit den Bürgermeistern des Kreises. Dabei geht es auch um Maßnahmen, welche die Gemeinden selbst ergreifen können. So haben sie in der vergangenen Woche beschlossen, auf eigene Kosten Selbsttests zu bestellen. Die Gemeinde geht in Vorleistung, damit Lehrer, Betreuer gar Hausmeister von Schule und Kindergarten zumindest bis Ostern regelmäßig getestet werden könnten. Und sie haben einen weiteren Vorteil: Anders als die Schnelltests vom Land, müssen sie nicht von Fachpersonal durchgeführt werden, "gegen noch nicht geklärte Kostenübernahme". 

„Kinder müssen zweimal die Woche getestet werden“

Eigentlich aber, sagt er, sind es die Kinder, die getestet werden müssten. "Meine klare Erkenntnis aus der Sache ist: Kinder müssen zweimal die Woche getestet werden, ansonsten ist ein Schulbetrieb nicht möglich." Alle Kinder regelmäßig zu testen, das sei mit einem ordentlichen Finanzaufwand verbunden. Aber Schnelltests seien nicht die einzige Möglichkeit, auch Pooltests seien denkbar. Einzig: "Passieren tut nichts, immer erst im Nachgang. Uns bleibt nur das Reagieren", sagt er. Das Land sieht Schnelltests bislang nur für Lehrer vor. "Ich habe schon einen gewissen Frust", gibt er zu. Wird nicht umfassend getestet, dann, befürchtet er, sei ein Jojo-Effekt vorprogrammiert. Auf die nächste Öffnung könnte schnell wieder eine Schließung folgen.

Geht alles nach Plan, könnte die Grundschule am 11. März wieder öffnen. Ob es dazu kommt, bleibt abzuwarten und ist vom weiteren Infektionsgeschehen abhängig. Inzwischen steht fest, dass auch eine Lehrerin positiv getestet wurde, ob es sich auch hierbei um eine Infektion mit einer Mutante handelt, ist noch nicht geklärt. Und auch eine Mutter ist infiziert. "Viele lassen sich jetzt testen, manche weil sie Symptome haben, andere weil sie einfach sicher gehen wollen", so Aschauer. "Ich gebe mich nicht der Illusion hin, dass es bei diesen Einzelfällen bleibt."

„Diskutieren bringt nichts mehr“

Es war, als hätte Aschauer schon zuvor geahnt, dass etwas auf ihn zukommen könnte. Im Mitteilungsblatt an die Gemeinde, das an eben besagten Donnerstag erschien, hatte er vor dem Ansteckungspotenzial auf Spiel- und Bolzplätzen gewarnt. "Kaum war der Text erschienen, gab’s auch schon den ersten Infektionsfall", sagt er. "Für mich ist das auf den Trubel dort an den Tagen zuvor zurückzuführen, natürlich kann ich mich auch irren."

Aschauer ist seit 23 Jahren Bürgermeister in Achberg, das letzte Jahr war das schwerste. "Vielleicht ist das Murphys Gesetz", sagt er, "am Ende kommt es noch einmal dicke". Achberg ist eine Gemeinde, wie es viele gibt. Und die Achberger? "Übliche Mischung", sagt der Bürgermeister. Natürlich gebe es dort auch Corona-Skeptiker und -Leugner. "Es verstehen auch viele nicht, dass ich das halbe Dorf wegsperren muss", erzählt er.

Aber das Diskutieren, das bringe nichts mehr, dafür fehle ihm jetzt die Zeit. 90 Tage muss Aschauer noch durchhalten, dann geht er in Rente. "Vielleicht macht mich auch das ein bisschen gelassener", sagt er, "so kann ich’s aushalten".

Quelle: Den ganzen Artikel lesen