Hausärztin nach Ende der Impf

Hausärztin nach Ende der Impf

Minutenlang scrollt sie durch das Postfach. Zwischen »DRINGEND!!!« und »Bitte« fragen sie alle nach demselben: einem Ersttermin für die Coronaschutzimpfung. Sevine Tokdemir, 54, sitzt in ihrem fensterlosen Büro vorm Computer. Der kleine Raum ist ummantelt von Regalen, in denen sich bis unter die Decke Ordner stapeln. Tokdemir schaut sich die Mails nicht mehr selbst an. Sie hat drei Hilfskräfte angestellt, die das tun. »Wir mussten unser reguläres Postfach und die Praxis entlasten«, sagt die Fachärztin für Allgemeinmedizin. Am ersten Juni richtete sie eine »[email protected]…«-Adresse ein. Sieben Tage später sind bereits 2956 Impfanfragen eingegangen. Täglich werden es an die 400 mehr.

Der 7. Juni war bei vielen Menschen ein lang ersehntes Datum. Bundesweit wurde die Priorisierung der Impfung aufgehoben. Doch die Telefone in Tokdemirs Praxis im Hamburger Stadtteil Winterhude sind stumm. Vor der Tür gibt es keine Schlange. Der Andrang wird umgeleitet: Auch alle Anrufe werden von den drei Hilfskräften im Homeoffice angenommen.

»Es gab einen Mann, der hier an einem Tag 80-mal angerufen hat«, erzählt Tokdemir. »Die meisten Menschen, besonders die jungen, kommen nicht einfach vorbei. Sie mailen oder rufen an. Das können wir nicht abfangen, wenn wir regulär arbeiten.«

Durch das trübe Plexiglas, das provisorisch an der Anmeldung angebracht wurde, blickt man beim Betreten der Praxis auf ein Kandinsky-Poster. Schaubilder zeigen den Praxisangestellten, wie sie eine Impfung richtig aufziehen und erläutern seitenlang Maßnahmen und Nebenwirkungen. In Tokdemirs Praxis arbeiten drei weitere Fachärztinnen, deshalb bekommen sie ein größeres Kontingent. An diesem Montag kam der neue Stoff am Morgen. Es sind 37 Ampullen: 21-mal Biontech, 3-mal Astra Zeneca, 13-mal Johnson & Johnson. Etwa 250 Menschen können damit geimpft werden.

»Diese Arbeit ist so sinngebend«

»Selbst wenn wir mehr bestellen könnten, könnten wir nicht mehr impfen, weil unsere Kapazitäten maximal ausgeschöpft sind«, sagt Tokdemir und lehnt sich an die Anmeldung.

Mit der Aufhebung der Priorisierung kommt in ihrer Praxis niemand direkt dran. Die Menschen müssen sich für die Impfung registrieren. Aus Logistikgründen. Auf der Liste stehen mehr als 1500 Namen.

Geimpft wird dienstags, donnerstags und samstags. Im Wartezimmer dürfen aus Coronaschutzgründen nur vier Personen sitzen. In den drei Behandlungszimmern nur ein Patient plus eine Ärztin. »Wir weichen auf die Epiphanienkirche aus, dort haben mehr Leute unter Einhaltung der Abstandsregeln Platz«, sagt Tokdemir. Die Kirche ist nur wenige Gehminuten entfernt.

In ihrer Mittagspause sitzt die Ärztin im Wartezimmer. Sie trägt einen weißen Rock, ein weißes Shirt, die Haare sind mit einer Haarspange halb hochgesteckt. Es ist schwül draußen, doch Tokdemir ist munter. »Es macht enorm viel Spaß«, sagt sie, auch wenn es viel persönliches Engagement erfordere. »Diese Arbeit ist so sinngebend.« Der größte Aufwand sei für sie die Logistik. Ihr Team ist neben den Ärztinnen von fünf auf 14, teils freie, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gewachsen, die bei der Logistik helfen.

Studentin Marie Huwe: »Leute, die schon länger warten, werden teilweise sehr fordernd«

Eine von ihnen ist Marie Huwe. Sie studiert Humanmedizin in Hamburg. Die 24-Jährige deckt den Großteil der Organisation ab. Früher habe sie ein paar Stunden vormittags in der Praxis gearbeitet. Seitdem auch Hausärzte impfen dürfen, sei sie täglich da, erzählt sie. Während die Ärztinnen und Angestellten in der Mittagspause sind, kann sie konzentriert arbeiten.

Tokdemir und ihr Team haben sich im Baumarkt und Bürohandel mit durchsichtigen Plastikkisten für die Nadeln und Ampullen eingedeckt. Sie sortieren die Impfungen und Formulare. Am nächsten Tag werden sie eine Fuhre rüber in die Kirche fahren. Ein Teil des Teams bleibt in der Praxis, registriert die Patienten und schickt sie 450 Meter die Straße runter zur großen Backsteinkirche. Per Telefon bleibt das Praxisteam in Kontakt.

Ungeduldige Impfbereitschaft ist dem Team nicht erst seit Aufhebung der Priorisierung bekannt. »Leute, die schon länger warten, werden teilweise sehr fordernd«, sagt Huwe. Vor allem Menschen, die noch nie in der Praxis waren. »Die meisten meiner älteren Patienten sind bereits geimpft, und wir rufen sie wegen der Zweitimpfung an. Drängelnder sind Leute, die teilweise seit sieben Jahren nicht mehr bei mir waren oder noch nie«, sagt Sevine Tokdemir.

Die 15-Jährige kann leider nicht geimpft werden

Unangemeldet in die Praxis kämen nur fünf bis zehn spontane Impfwillige am Tag. Auf der Website wird um Anruf oder Email gebeten; das hat sich rumgesprochen. Als die reguläre Sprechstunde an diesem Montagnachmittag nach der Pause weitergeht, kommt eine ältere Frau an den Tresen. Sie hat einen normalen Untersuchungstermin. »Aber meine Enkelin ist 15 Jahre alt, sie macht bald ein Praktikum in Hamburg. Wann könnte sie geimpft werden?« Leider gar nicht, so die Antwort, die Praxis impft erst ab 16 Jahren. Die Dame nickt verständnisvoll.

Eine Andere will mitteilen, dass sie eine Bescheinigung vom Arbeitgeber habe. »Ich habe mich auch per Mail auf Ihre Liste setzen lassen«, sagt sie zum Mitarbeiter am Empfang. »Dann bearbeiten wir Ihre Anfrage.« – »Auch wenn meine Mail drei Wochen her ist?« – »Wir bekommen so viele Mails, das dauert etwas.«

In den nächsten 90 Minuten wird niemand mehr spontan kommen und nach der Erstimpfung fragen. »Der große, schlimme Ansturm ist schon vorbei«, sagt Tokdemir. »Der kam, als Gesundheitsminister Jens Spahn sagte, durch die Privilegien könne man wieder reisen. Da kamen unzählige Menschen in die Praxis, die alle im Sommer in den Urlaub wollten.«

Ärztin Tokdemir: »Wir haben die Handynummern, wir wissen, wen wir geimpft haben«

Dass die Priorisierung nun aufgehoben ist, macht Sevine Tokdemir keine Sorgen, sagt sie. Mittlerweile habe sich ihr Team gut organisiert. In Excel-Listen erfassen sie die Namen und Kontaktdaten der Impfwilligen, mit der Kirche stimmen sie die Termine ab, Anfragen sind outgesourct, es gibt eine eigene Mobilnummer, auf der sich Patientinnen und Patienten nach der Impfung melden können, wenn sie Nebenwirkungen haben. »Was mich ärgert, ist, dass wir uns dieses Konzept selbst erarbeiten mussten. Ich musste mich mit meinem Team selbst entscheiden, was wir wie, wann, wo, mit wem machen«, sagt Tokdemir und zählt Geld, Räume, Zeit und Personal auf. »Wir wussten nicht, was auf uns zukommt, und wurden als Allgemeinmediziner und Medizinerinnen an der Front nicht direkt in die Entscheidungsfindung und Verarbeitung der Pandemie eingeschlossen. In den Mitteilungen der KV wird uns ausdrücklich gesagt, dass wir Ärzte selbst verantwortlich sind.«

Wer Beschwerden hat, bekommt die Nachsorge

Für ihre Hilfskräfte und die Aufstockung des Teams musste sie in Vorleistung gehen – etwa für die beiden Spezialkühlschranke, in denen abschließbar der Impfstoff lagert. Trotzdem sei es nicht sinnvoll, dass die Impfzentren den Ansturm abfangen, sagt Tokdemir. Die Menschen, die sich bei ihr impfen lassen wollten, wollten nicht nur einen Coronaschutz, sondern auch ein Vertrauensverhältnis.



»Die Menschen wollen wissen, wer sie nach der Impfung betreut, wenn sie Nebenwirkungen haben. Sie wollen beraten werden, wenn sie unsicher sind«, sagt Tokdemir. Bisher haben sie und ihr Team etwa 3000 Menschen geimpft. Am siebten April spritzte die Ärztin das erste Mal Biontech in einen Oberarm. Als Allgemeinmedizinerin höre ihre Arbeit da aber nicht auf. Sie freue sich über jede SMS nach der Impfung, über jedes »Danke«. Wer Beschwerden hat, bekommt die Nachsorge. »Wir haben die Handynummern, wir wissen, wen wir geimpft haben.«

Das Whiteboard in der kleinen Kaffeeküche ist voll mit Namen und Schichten. Freie Zeilen gibt es nicht, auch nicht am Wochenende. »Ich würde mir wünschen, dass man die Ärzte stark macht und sich weniger auf die Zentren konzentriert«, sagt Tokdemir, als sie zwischen zwei Behandlungen neben der Mikrowelle Dokumente kopiert. »Wir wollen mehr Projektmanagement von den Verantwortlichen, die mit uns kommunizieren, und weniger Bürokratie, damit wir uns gut kümmern können.« Und das sei mit der Aufhebung der Priorisierung nicht besser geworden – auch wenn an diesem Tag niemand vor der Praxis campiert hat.

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